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Mehr Chancen durch Querdenken

Eingefahrene Gleise verlassen, dem Leben einen neuen Kick geben – wer möchte das nicht? Der Aufbruch zu anderen Horizonten beginnt im Kopf. Nur wer gedanklich einen Ausweg aus eingeschliffenen Routinen findet, sich ein völlig anderes Dasein vorstellen kann, findet die Chance zu grundsätzlichen Veränderungen.
Wofür könnten Sie einen Ziegelstein verwenden?
Wenn Sie antworten „als Baumaterial“ bewegen Sie sich in vertrauten Routinen.
Wenn Sie sagen „als Briefbeschwerer“ nutzen Sie die Grundeigenschaften Kompaktheit und Schwere in einem neuen Kontext.
Entgegnen Sie jedoch „Ich würde ihn zerbröseln, aufschlämmen und als Farbmaterial für eine interessante Oberflächenstruktur in einem modernen Gemälde verwenden“, ist Ihnen einen originelle und kreative Antwort eingefallen.
Kreativität wird heute in vielen Stellenanzeigen gefordert. Kein Wunder, mit der Reproduktion des Üblichen ist heute kein großer Gewinn mehr zu machen. Die Möglichkeiten, das allseits Bekannte billiger zu produzieren als der Konkurrent, sind nahezu erschöpft. Mitarbeiter, die neuartige Lösungen finden, die die Angebote der anderen Wettbewerber um Längen schlagen, sind deshalb gefragt. Bei dem heutigen Tempo technischer Neuerungen reicht ein einmaliger genialer Einfall nur noch selten aus, um auf Dauer ausgesorgt zu haben. Die Fähigkeit, immer wieder originelle Ergebnisse zu erlangen, will deshalb gelernt sein.
Kreativität und Phantasie gehören zusammen. Dennoch sind schöpferische Einfälle kein Zufall oder unerklärliche Begabung. Schaut man sich die Struktur kreativer Lösungen der Vergangenheit an, erkennt man bestimmte Prinzipien, die sich auch bei der Suche nach zukünftigen anwenden lassen.
Ein solches Prinzip lautet: Verkehre die vertraute Routine-Lösung in ihr Gegenteil.
Ein Großteil wissenschaftlicher Neuerungen entstand auf diese Weise. Bis Anfang des 19. Jahrhunderts glaubte man, daß die Tier- und Pflanzenarten von Anbeginn der Erdgeschichte unveränderlich seien. Die Einsicht, daß sie sich entwickeln, gab den Anstoß zur Evolutionstheorie und veränderte unser Weltbild grundlegend.
Bis ins vorige Jahrhundert galt als selbstverständlich, daß Psyche und Bewußtsein ein und dasselbe sind. Die Erkenntnis, daß in Wahrheit der größte Teil unserer seelischen Vorgänge unbewußt bleibt, gab den Anstoß zur Psychoanalyse als Heilmethode für Neurosen.
Je selbstverständlicher eine Weisheit ist, desto mehr lohnt es sich nachzudenken, ob an ihrer Umkehrung nicht auch etwas dran ist. Unser Autor Frank Naumann fand das Thema seines ersten Sachbuches, als ihm auffiel, daß alle Welt eine friedliche, harmonische Gesprächsführung befürwortet. Haben streitbare Auseinandersetzungen nicht ebenfalls ihre Berechtigung? Aus dieser Überlegung entstand sein Buch „Miteinander streiten“.
Ein weiteres Prinzip mit sehr vielen Anwendungsmöglichkeiten lautet: Verbinde zwei bisher unabhängige Bereiche miteinander.
Dieses Vorgehen finden Sie in unserem Eingangsbeispiel realisiert. Bauen (Ziegelstein) und Malerei (Farbmaterial) wurden verbunden. Die Anwendung dieses Prinzips führte unseren Autor zu zwei weiteren Büchern:
„Erste Hilfe für die Seele“ – verbindet eine Prinzip der Notfallmedizin mit Psychologie
„Solo in die Jahre kommen“ denkt über die Perspektiven der (jungen) Singles im Alter nach.
Je weiter die beiden Bereiche auseinanderliegen, je ungewohnter ihre Verbindung erscheint, desto kreativer wird die gefundene Lösung.
Achtung! Einige solcher Querverbindungen wurden so oft erfolgreich angewandt, daß sie fast schon wieder wie Routine wirken. Einige Beispiele:
Techniker kopieren Naturlösungen. So statten Sie Fahrzeuge in unebenem Gelände außer mit Rädern auch mit beinähnlichen Konstruktionen aus.
Schulmediziner vertrauen längst nicht mehr nur Operationen und Medikamenten, sondern beziehen Heilmethoden anderer Kulturen, der Psychologie und die Aktivierung körpereigener Abwehrkräfte ein.
Neue Erkenntnisse werden in der Wissenschaft immer öfter dadurch gewonnen, daß man Brückendisziplinen bildet. Das sind Forschungsgebiete, die zwischen traditionellen Fachgebieten liegen, also Biochemie, Astrophysik, Soziobiologie und ähnliches.
Schauen wir uns einige weitere kreative Prinzipien an.
Wechsle die Perspektive. Neue Möglichkeiten eröffnen sich, wenn wir versuchsweise mal unseren eigenen Blickwinkel verlassen und uns aus der Position anderer betrachten. Welch innerer Monolog mag in unserem Partner, Freunden und Kollegen ablaufen, wenn sie uns begegnen? Was würde mein Hund, mein Kanarienvogel, die Straßentaube, mein Schreibtisch oder der Aschenbecher meines Autos über sich und mich erzählen?
Verändere den Kontext. Versetzen Sie sich gedanklich in eine andere Umgebung und/oder in eine andere Zeit. Stellen Sie sich vor, mit Ihren Kenntnisse und Ihren typischen Gewohnheiten würden Sie in einen antiken Steinbruch, an den römischen Kaiserhof, in einen Harem, in das Raumschiff Enterprise oder in das Land Phantásien versetzt? Was würde geschehen?
Suche gezielt nach unmodernen Varianten. Nicht nur Kleidung, auch Ideen und Themen unterliegen modischen Einflüssen. Schauen Sie nach: Welche Themen beherrschen zur Zeit die Medien? Sie werden feststellen, daß manche Ideen eine Zeit lang überall präsent sind und dann wieder in der Versenkung verschwinden. Nach einiger Zeit werden sie wieder hervorgeholt. Die Modeindustrie verdiente Milliarden, indem sie vor etwa zwei Jahren anfing, die Kleidung der 70er Jahre zu kopieren. Inzwischen sind die 80er dran – worüber sich auch die Musiker von damals freuen, denn ihre Platten verkaufen sich auf einmal wieder. Wem also nicht Neues einfällt, braucht also nur in eine Bibliothek zu gehen, die alten Zeitschriften durchzublättern und Ideen von damals neu aufzuwärmen.
Darüber hinaus erfordert Kreativität den Mut, bewußt das Unübliche zu tun. und solange durchzuhalten, bis die Umgebung sich daran gewöhnt hat und Sie als Vorreiter betrachtet. Nicht jede schöpferische Lösung wird sich durchsetzen. Jede originelle Idee muß geprüft werden, ob sie realistisch ist. Das bedeutet unter anderem:
  • Gibt es genug Leute, die einen Bedarf dafür haben werden?
  • Wen kann ich von meiner Idee überzeugen?
  • Ist sie überhaupt praktisch umsetzbar? (Das erfordert unter Umständen weitere kreative Einfälle.)
  • Was wird die Umsetzung kosten?
  • Wie hoch ist der mögliche Nutzen?
Manchmal verhindern selbstgeschaffene Hindernisse, das eine originelle Idee zum Erfolg führt. Zum Beispiel:
  • Mangelndes Durchhaltevermögen. Je ungewöhnlicher eine Idee, desto länger der Anlaufweg.
  • Mangelnde Konzentration auf das eine Ziel, Verzettelung in zuviel nur halb durchdachten Projekten.
  • Selbstzensur. Manch originelle Idee wird schon im Vorfeld aufgegeben, weil sie zu phantastisch erscheint.
  • Mangelndes Know-how in der Umsetzung. Aus Angst, daß die kreative Idee gestohlen werden könnte, versäumt man, sich Hilfe für die Realisierung zu holen. Es gibt kaum einen schöpferischen Menschen, der ohne Hilfe anderer und ohne seinen Gewinn mit ihnen zu teilen, seine Ideen verwirklicht hätte. Selbst ein Schriftsteller braucht einen Verlag, der seine Bücher druckt und vertreibt.

 

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