Yoga – Sanfte Fitness aus dem alten Indien

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Was vor fünfzig Jahren in Europa noch als exotische Geheimlehre galt, gehört heute zu den Standardthemen von Frauen- und Fitnesszeitschriften. Wir stellen Ihnen das klassische Yoga als Einheit von seelischer Haltung, Lebensweise, Meditation sowie Atem- und Körperübungen vor.

Yoga entstand vor rund viertausend Jahre und ist damit älter als der Buddhismus. Die erste schriftliche Überlieferung stammt allerdings erst aus dem zweiten Jahrhundert unserer Zeitrechnung. Das Wort „Yoga“ kommt aus dem Sanskrit, der Hochsprache des klassischen Indien. Da die meisten indischen und europäischen Sprachen miteinander verwandt sind, lassen sich die Spuren dieses Wortes auch im Deutschen nachweisen. „Yoga“ hat den gleichen Wortstamm wie „Joch“ und steht für ein vereinigendes Band. Während „Joch“ bei uns aber eher eine negative Bedeutung hat („jemanden ins Joch zwingen, unterjochen“), wird es in Indien positiv ausgelegt als Verbindung der individuellen Seele mit der Weltseele. Alle Übungen erleichtern es dem Einzelnen, sich von seinen Alltagsproblemen zu befreien und seine Gedanken mit der Unendlichkeit des Kosmos zu verschmelzen.

Yoga ist deshalb nicht einfach eine exotische Form von Gymnastik, sondern eine Lebenshaltung. Der Yogi richtet seine gesamte Lebensführung darauf aus, Samadhi – das ist die Einheit mit dem göttlichen Bewußtsein – zu erreichen. Seine Übungen sollen ihm helfen, die nötige körperliche und geistige Selbstdisziplin zu erlangen. Die körperliche und seelische Unruhe, die den Alltagsmenschen umtreibt, alle Ablenkungen durch Sorgen, Konsumwünsche, Konflikte usw., sollen nach und nach verschwinden. Erst wenn Körper und Geist alle derartigen Bestrebungen einstellen, ist jene innere Ruhe und Freiheit erreicht, die als Zustand des Yoga bezeichnet wird.

Ein Yoga-Schüler durchläuft auf dem Weg zu diesem Ziel sechs Stufen:

  1. Das Wissen (Jnana Yoga): Am Anfang steht aufklärender Unterricht. Der Schüler lernt, daß er sich nicht mit seinem Körper, seinen Gefühlen oder seinem Denken identifizieren soll. Alles sind nur äußere Eigenschaften, die er im Laufe seiner Lehrjahre ablegen wird, um das hinter ihnen verborgene Selbst freizulegen.
  2. Die Liebe (Bhakti Yoga): Der Schüler lernt Demut und Anbetung. Mit Meditation und Kontemplation gilt es, alle selbstsüchtigen Regungen abzulegen und sich ganz der Führung der Lehrer anzuvertrauen.
  3. Das Dienen (Karma Yoga): Der Dienst am Nächsten ist im Yoga eine wichtige Durchgangsstufe als Erziehung zur Selbstlosigkeit. „Die Welt ist voller Elend. Geh hinaus wie Buddha es getan hat und verringere ihr Elend und sollte es dein Leben kosten. Übe dich in Selbstvergessenheit“, heißt es in einem klassischen Text.
  4. Das Wort (Mantra Yoga): Erst wenn diese Lektion des Sich-Bewährens in der äußeren Welt gelernt ist, beginnt das Training, das wir üblicherweise mit dem Begriff „Yoga“ assoziieren. Der Schüler meditiert und verhindert das Abschweifen seines Geistes, indem er unablässig die gleichen Silben wiederholt, sogenannte Mantras. Das berühmteste ist die Silbe „om“, die durch ihren vibrierenden Klang eine rhythmisierende Einförmigkeit erzeugt und so den Übergang in einen halbwachen Trancezustand erleichtert.
  5. Der Körper (Hatha Yoga): Nun lernt der Schüler durch Einnehmen und Halten von Körperpositionen wie Kopfstand usw. seinen Körper perfekt zu kontrollieren. Auch Atemübungen und verschiedene Reinigungsrituale gehören auf diese Stufe. Dieser Teil des Yoga hat bei uns am meisten Einfluß gewonnen, weil sich die Übungen gut eignen, Streß zu bekämpfen und ohne ins Schwitzen zu geraten, die körperliche Fitness zu steigern.
  6. Der Geist (Raja Yoga): Im klassischen Yoga dienen die Körperübungen nur dazu, die Bereitwilligkeit des Geistes zur perfekten Selbstversenkung zu erleichtern. Diese sechste Stufe vereint die Errungenschaften der vorhergehenden sechs: Selbstverzicht, Konzentration, Meditation und Körperkontrolle. So wird die Kontrolle des Geistes möglich. Er zieht sich aus der Welt und dem Ich zurück und konzentriert sich in stundenlanger Selbstversenkung auf den Kosmos. Jahrelanges Trainieren des Raja Yoga macht solch sensationelle Leistungen wie extremes Verlangsamen des Körperfunktionen und wochenlanges Hungern möglich.

Ob tägliche Yoga-Übungen einen fühlbaren Erfolg bringen, hängt also wesentlich von der übrigen Lebensweise ab. Wer ehrgeizige Ziele und einen aktiven, wachen Geist hat, wer Menschen und Trubel um sich herum braucht, um sich wohlzufühlen, wird mit Ausdauer- und Krafttraining – also der typisch westlichen Art von Fitness – bessere Erfolge erzielen. Yoga ist eher geeignet für Menschen, die Ruhe, Schweigen und Einsamkeit genießen können. Wer eine Körperübung des Yoga durchführt, sollte nicht nur einige Minuten in der gleichen Haltung verharren können, sondern sich zugleich auf seinen Atem konzentrieren und seine Augen auf einen festen Punkt richten – also auch innerlich zur Ruhe kommen.

Die Wirkung des Yoga ist längst wissenschaftlich belegt. Eine neue Studie aus Atlanta zeigt, daß regelmäßiges Yoga erhöhten Blutdruck senkt. Wissenschaftler aus New Delhi zeigten kürzlich, daß Yoga außerdem die Leistungsfähigkeit erhöht, Übergewicht abbaut bzw. vorbeugt, und den Cholesterinspiegel senkt.

Hier eine kleine Auswahl von Übungen aus dem klassischen Yoga, die sich in zehn bis fünfzehn Minuten durchführen lassen:

A. Körperübungen:

  • Kerze. Auf den Rücken legen, die Beine Richtung Zimmerdecke strecken, dabei den Rücken mit den Händen bei angewinkelten Armen abstützen. Eine Minute halten.
  • Pflug. Aus der Kerzenposition die Beine nach hinten über den Kopf schwingen, bis die Zehenspitzen den Boden berühren. Die Beine dabei soweit spreizen wie nötig. Die Arme liegen ausgestreckt nach hinten auf dem Boden. Eine Minute halten.
  • Bogen. Auf den Bauch legen, die Knie anwinkeln, Schultern und Kopf anheben, die Arme nach hinten strecken und mit den Händen die Fußknöchel umfassen. Eine Minute halten.
  • Yogakopfstand. Die Arme mit verschränkten Händen auf den Boden legen, so daß die beide Ellenbogen und die verklammerten Hände ein Dreieck bilden. Kopf vor die Hände legen und Beine zur Decke schwingen. Am besten die Übung an einer Wand durchführen, an der Sie die Füße abstützen können. Anfangs nur wenige Sekunden halten, aber mit der Zeit auf bis zu drei Minuten steigern.

B. Atemübungen:

  • Setzen Sie sich mit verschränkten Beinen hin. Ziehen Sie ruckartig den Bauch soweit ein wie möglich und stoßen Sie dabei ebenso ruckartig die Luft aus dem Mund aus. Zwei Sekunden halten. Dann lassen Sie langsam wieder Luft durch die Nase in die Lunge fließen und beobachten, wie sich Ihr Bauch allmählich wieder nach vorn wölbt. Sobald die Lungen voll sind, wiederholen.
  • Gleiche Sitzhaltung. Halten Sie nach dem Ausatmen mit dem Zeigefinger ein Nasenloch zu. Atmen Sie normal weiter, aber ziehen Sie in zwei bis drei Sekunden die gesamte Luftmenge, die Sie benötigen, durch das eine freie Nasenloch. Halten Sie die Luft drei Sekunden und atmen Sie langsam (4 bis 6 Sekunden) durch den Mund aus. Mit dem anderen Nasenloch wiederholen.
  • Machen Sie die Yogaübung „Pflug“ (siehe oben): Dabei drücken Sie zusätzlich das Kinn in die Kerbe am unteren Halsansatz oberhalb des Brustkorbes, die so genannte Drosselgrube. Wenn Sie jetzt ruhig ein- und ausatmen, werden Sie ein leises Schnarchgeräusch hören. Der Druck des Kinns öffnet die Stimmritzen des Kehlkopfes. Dadurch entsteht beim Atmen ein hörbarer Ton. Atmen Sie langsam und lassen Sie es „rasseln“.

C. Meditation

  • Still sitzen in bequemer Haltung mit geschlossenen Augen.
  • Langsam einatmen und die Luft passiv wieder herausströmen lassen.
  • Mit dem Atemrhythmus irgendein emotional neutrales oder positives Wort immer wieder vor dem inneren Augen vorbeiziehen lassen („Om“ oder ein anderes, möglichst einsilbiges Wort, dessen Klang Sie mögen). Der Sinn besteht darin, aus Ihrem Denken vorübergehend alle Spannung erzeugenden Gedanken und Probleme fern zu halten. Drängen sich doch solche Gedanken in den Vordergrund – nicht ärgern, sondern lediglich zu dem gewählten Wort zurückkehren. Nach einigen Minuten werden Sie spürbar ruhiger geworden sein. Um eines Tages bis zu einem Zustand der Trance fortzuschreiten, müßten sie die Übung jeden Tag zwanzig Minuten am Stück durchführen.

veröffentlicht im Oktober 2000 © by www.berlinx.de

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