Print Friendly, PDF & Email

Niemand kann sehen, was in unserem Kopf vorgeht – zum Glück! Dennoch, wenn Sie die elf Artikel unserer Serie aufmerksam gelesen haben, können Sie aus einzelnen Zeichen Anhaltspunkte über das Wesen der Persönlichkeit, die Ihnen gegenüber steht oder sitzt, gewinnen. Wie Sie die Bausteinchen zu einem Mosaik zusammenfügen, erfahren Sie in unserem abschließenden Beitrag.

  • Der hat mir die ganze Zeit etwas vorgemacht!
  • Donnerwetter, ich hätte nicht geglaubt, daß sie dazu fähig ist!
  • Wie konnte ich nur so blind sein!

Häufige Sätze, die das Ausmaß unserer Selbsttäuschung im Umgang mit anderen enthüllen. Ob Wolf im Schafspelz oder Zicke mit goldenem Herz – nicht jeder trägt sein Herz auf der Zunge und gibt sich auf den ersten Blick so, wie er im innersten Wesen denkt und fühlt. Umfragen zeigen, daß sich die meisten für gute Menschenkenner halten, weil schwere Enttäuschungen selten sind und leicht als Ausnahme und Folge absichtlicher, böswillige Täuschungsmanöver des Anderen abgetan werden können. Nur selten geben wir zu, daß die Absichten und Charakterfehler unseres Gegenüber zu erkennen gewesen wären – nur wollten wir sie nicht sehen.

In der Tat sind es meist die eigenen Vorurteile und unser Wunschdenken, die zu Fehleinschätzungen verleiten. Das passiert übrigens Frauen häufiger als Männern. Zwar sind Frauen im Durchschnitt leichter in der Lage, sich in ihr Gegenüber einzufühlen, aber sie neigen stärker als Männer dazu, ihre Wahrnehmungen so zu bewerten, wie sie den anderen gern sehen möchten.

Besonders häufig lassen wir uns vom „ersten Eindruck” täuschen. Es sind vor allem zwei Fehler, die hier zu falschen Einschätzungen führen:

Fehler 1: Wir können nicht klar genug zwischen Körpersprache und angeborenen Körpermerkmalen. Attraktives Aussehen verleitet uns, den anderen für sympathischer und vertrauenswürdiger zu halten als weniger attraktive Leute. Personen mit einem kindlichen Gesicht wecken Beschützerimpulse – bei Männern und Frauen gleichermaßen. Große Leute werden für dominant und selbstsicher gehalten, kleine Leute für freundlich und leicht zu beeindrucken.

Späteres Verhalten der betreffenden Person, das zu dem ersten Eindruck in Widerspruch steht, führt meist nicht dazu, den ersten Eindruck zu korrigieren, sondern man versucht eher, das Verhalten im Rahmen der vorhergehenden Annahmen zu interpretieren. Haben wir eine Person vom Äußern als freundlich und entgegenkommend eingeschätzt, müssen aber feststellen, daß sie sich zickig benimmt, sagen wir uns: „Die Ärmste! Wer mag ihr die Laune verdorben haben?” Ist dagegen eine äußerst unattraktive Person ausgesprochen nett, neigen wir zu Mißtrauen. Bezweckt sie irgend etwas mit ihrem freundlichen Verhalten?

 

Fehler 2: Wir nehmen geschickte Inszenierungen als das wahre Wesen der Person. Seriös wirkende Makler oder entgegenkommende Gebrauchtwagenhändler ziehen jedes Jahr Tausende von Kunden über den Tisch, weil sie nicht zwischen der antrainierten Servicehaltung und dem echten Charakter eines Verkäufers unterscheiden können. Auch im Privatleben sind diese Verwechslungen häufig, wenn auch weniger auffällig. Daß Leute im Hippielook spießige Familienväter und -mütter, während Leute in Geschäftskleidung unkonventionell und für jeden Spaß aufgeschlossen sein können, erregt immer wieder mal Erstaunen.

 

Menschen richtig zu beurteilen ist heute eine Schlüsselqualifikation. In Beruf und Privatleben hat sich die Zahl der Kontakte vervielfacht. Die Zeiten, als man mit dem ersten Partner lebenslang zusammenblieb, im Geburtsort aufwuchs, heiratete und starb, im selben Betrieb lernte und bis zur Rente arbeitete, sind längst passé. Aber genau diese wachsende Mobilität hindert uns, die Kunst der Menschenkenntnis zu erlernen. Die meisten Kontakte bleiben oberflächlich – wir nehmen schon wieder Abschied voneinander, bevor wir Zeit hatten, einander gründlich bis in die letzten Winkel unserer Seelen zu erkunden. Die Verlagerung vieler Kontakte in technische Kommunikationsformen tut ihr übriges. Wir bleiben miteinander in Verbindung und Gedankenaustausch, ohne uns zu sehen. Der wichtige IndikatorKörpersprache geht verloren.

 

Kein Wunder, daß Seminare und Ratgeberliteratur, die natürliche Defizite auszugleichen verspricht, wachsenden Zulauf erfährt. In der Tat läßt sich die Kunst der Menschenbeurteilung wieder lernen, indem man bewußt beobachtet, wie man sich ein Urteil über andere Personen bildet. Wenn Sie das Wissen aus den vergangenen Beiträgen unserer Serie erfolgreich anwenden wollen, lesen Sie sich noch einmal durch, was Körpersprache, Handschrift, Stimme usw. über Fremde enthüllen und was nicht. Danach setzen Sie Ihr Wissen in die Praxis um, indem Sie folgende Regeln beherzigen:

 

· Menschenkenntnis ist eine Frage der Übung. Nutzen Sie jede Gelegenheit, Menschen genau zu beobachten und Rückschlüsse auf ihre momentane Befindlichkeit zu ziehen.

 

· Schauen Sie sich eine Talkshow an und nehmen Sie sie gleichzeitig auf Video auf. Drehen Sie beim Zuschauen den Ton ab und notieren Sie auf einem Zettel, was die Leute Ihrer Meinung sagten. Notieren Sie auch ihre Gefühle. Überprüfen Sie danach anhand Ihrer Videoaufzeichnung Ihre Treffenquote und Ihre Irrtümer.

 

· Achten Sie mehr darauf, wie jemand etwas sagt als auf das Was.

 

· Versuchen Sie, Ihren ersten Eindruck in Worte zu fassen. Überlegen Sie, aufgrund welcher Eindrücke Sie zu Ihrer Einschätzung gekommen sind. Beginnen Sie ein möglichst unvoreingenommenes Gespräch mit der Person und achten Sie darauf, inwieweit das weitere Verhalten und vor allem die im Gespräch gewonnenen Informationen über die Person den ersten Eindruck bestätigen oder widerlegen.

 

· Nur wiederholtes Verhalten deutet auf stabile Charaktermerkmale hin. Was Sie als ersten Eindruck erlebten, kann ein Ausnahmeverhalten sein, bedingt durch momentanen Streß, Enttäuschung oder Glücksmomente. Auch Krankheit, Schmerzen oder Schlafmangel verfälschen den äußeren Eindruck.

 

· Stimmen Körpersprache und Worte überein oder widersprechen Sie einander. Ist Letzteres der Fall, versuchen Sie durch vorsichtiges Nachfragen herauszufinden, worauf der Widerspruch beruht. Bilden Sie sich erst danach ein Urteil.

 

· Lernen Sie, richtig zuzuhören. Unterdrücken Sie den Impuls, bereits während der ersten Sätze Ihres Gegenüber über Ihre treffendste Antwort nachzudenken. Lassen Sie Ihren Gesprächspartner reden und konzentrieren Sie sich darauf, das Gesagte nach dahinterstehenden Motiven zu analysieren.

 

· Überprüfen Sie auch gelegentlich bei Leuten, die Sie lange kennen, ob Ihre Einschätzung einer Korrektur bedarf. Manchmal ändern sich unsere Mitmenschen, ohne daß wir ihre Entwicklung zur Kenntnis nehmen.

 

· Achten Sie darauf, wie andere Sie einschätzen. Solange Sie sich so geben, wie Sie sind, wird es wenig Fehlbeurteilungen geben. Wenn Sie aber versuchen, in der einen oder anderen Hinsicht anders zu wirken, als Sie in Wahrheit sind, werden die meisten nicht auf ihre vorgetäuschte Rolle hereinfallen, sondern eher mißtrauisch werden. Täuschendes Verhalten durchschauen die meisten Menschen nach einigen Begegnungen, nicht aber, was dahinter steckt.

 

Damit ist unsere kleine Serie „Zeichen der Persönlichkeit” beendet. Hat Sie Ihnen gefallen? Was fehlte, was hätten wir besser machen können? Ihre Meinung interessiert uns. Auch wenn die Serie abgeschlossen ist, werden wir bei Bedarf in späteren Ausgaben Artikel zu diesem Themenfeld veröffentlichen. Fehlende Beiträge, die nicht mehr im Internet stehen, können Sie bei unserer Redaktion anfordern.

Veröffentlicht im November 1999 © by www.berlinx.de

No votes yet.
Please wait...
Voting is currently disabled, data maintenance in progress.