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Von welchem Standpunkt betrachten Sie die Welt?

Orientieren Sie sich an den Notwendigkeiten des Tages oder messen Sie Ihre Mit­menschen an einem Ideal? Diese zwei Weltan­schauungen stehen sich seit der Antike unver­söhnlich gegenüber.

Melanie und Marcus haben sich auf einer Party kennen­gelernt. Bei ihrem ersten Rendez­vous bemerkt sie mit Bedauern, dass Marcus sich ein Steak bestellt, während sie sich mit einer Gemüse­platte begnügt. Melanie schwört auf vege­tarische Ernährung. Sie fragt ihn: „Wie kannst du Fleisch essen, wenn du weißt, wie die Tiere gemästet und geschlachtet werden?“

Melanie ist eine Idealistin. Sie verabscheut Gewalt, auch gegenüber Tieren. Ein friedliches, mitleidiges Leben ist ihr Ideal.

Marcus ist Realist. Fleisch ist die einfachste Weise, sich mit lebens­wichtigen Eiweißen und Vitamin B12 zu versorgen. Sein Fleisch­verzicht würde die indu­strielle Tier­haltung nicht beenden, sondern die Produzenten zwingen, noch aggressiver um die restlichen Kunden zu werben.

Realisten gehen von den unmittel­baren Zwängen des Alltags aus. Sie entscheiden pragmatisch, von Fall zu Fall. Die Wirklichkeit, so wie wir sie vorfinden, ist ihr Maßstab. Idealisten hingegen richten sich nach Prinzipien. Sie besitzen eine Haltung, von  der sie sich immer und überall leiten lassen.

Der Gegensatz von Idea­lismus und Rea­lismus findet sich schon in der Antike. In der Philosophie hat er unter­schiedliche Gestalt angenommen, je nachdem, ob wir ihn auf dem Gebiet der Erkenntnis oder der Moral betrachten.

In der Erkenntnis ist ein Idealist jemand, der an einen Welt­geist glaubt, der die Welt erschaffen hat. Wer glaubt, dass der Ursprung des Kosmos in Gott liegt, ist ein Idealist. Wer dagegen meint, dass die Welt im Urknall entstand und sich dann durch natürliche Evolution entwickelte, ist ein Realist.

In der Moral ist ein Idealist jeder, der sein ethisches Ideal zum Maßstab eigenen und fremden Handelns macht. Ein Realist dagegen sagt: Ideale taugen wenig für die Praxis. Im Ideal ist jeder, der einen Menschen tötet, ein gemeiner Mörder. In der Praxis kann der Ermordete ein böser Schuft sein, dem kein Gericht etwas nachweisen konnte. Der Täter sah keine andere Möglichkeit, sich Gerechtigkeit zu verschaffen.

In zahlreichen Streitfragen der Gegenwart finden wir den Gegensatz von Idealisten und Realisten wieder: Nehmen wir das Problem der Sterbehilfe.

Idealisten argumentieren mit Hippo­kratischen Eid, der Achtung vor dem Leben und der Angst, dem Missbrauch Tür und Tor zu öffnen. Sie meinen, eine schmerz­lindernde Palliativ-Medizin könnte Sterbehilfe überflüssig machen.

Realisten verweisen darauf, dass nur der einzelne Betroffene entscheiden könne, was seiner Würde und Selbst­bestimmung entspricht. Es gibt 800 000 Menschen, die zur Zeit eine Palliativ­medizin benötigen. Die vorhandenen Einrichtungen können diesen Bedarf gerade mal zu fünf Prozent decken. Ideal und Wirklichkeit klaffen auseinander.

Idealisten sagen: Wäre die Wirklichkeit so, wie ich sie mir vorstelle, würde dieses Problem nicht länger existieren. Realisten sagen: Die Wirklichkeit ist aber nicht so und wird auf absehbare Zeit auch nicht so werden.

Realisten verfügen über starke Argumente, denn wissen­schaftliche Studien und Statistiken untermauern ihre Ansichten. Allerdings begnügen sie sich mit der Wirklichkeit, so wie sie ist. Idealisten wirken oft wie lebensfremde Spinner. Ihre Ideale können jedoch schlechte Zustände verändern. Sie können Menschen aktivieren, etwas zu unternehmen.

Ob Klima­erwärmung, Massen­tierhaltung oder weltweite Armut – die Welt braucht Realisten ebenso wie Idealisten. Die Idealisten ermuntern uns zu Veränderungen und achten darauf, im Dschungel aus Bürokratie und Geldmangel das große Ganze nicht aus dem Blick zu verlieren. Die Realisten bescheren uns das nötige Augenmaß und die Fähigkeit, die Hürden des Alltags Schritt für Schritt zu meistern.

veröffentlicht im Januar 2015 © by www.berlinx.de

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