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Sie haben Ihre Rede ohne größere Pannen über die Bühne gebracht. Was aber, wenn die Zuhörer Sie nun in der Luft zerreißen? Keine Sorge – Egonet verrät Ihnen, wie Sie auch die härteste Diskussion als Sieger verlassen.

Viele Redner machen sich das Leben im Anschluss an ihren Vortrag selbst schwer. Sie betrachten die anschließende Fragerunde als eine Art Boxkampf. Die Zuhörer greifen an und er muss sich verteidigen. Warum nicht als Chance nutzen dazu zu lernen. Die meisten Zuhörer wollen lediglich einige Zusatzinformationen erlangen oder ein bicsschen Selbstdarstellung betreiben. Wenn Sie diese Wünsche bedienen, können sie zusätzliche Pluspunkte sammeln.

Gehen wir die wichtigsten Hürden einmal durch:

Es kommen gar keine Anfragen. Das ist viel schlimmer als unfaire Angriffe. Wenn niemand etwas fragt, bildet sich unwillkürlich der Eindruck, Sie hätten nur Trivialitäten geäußert, die jeder abnickt. Wenn Sie die Leute so nach Hause gehen lassen, bleibt ein schlechter Eindruck zurück. Stellen Sie deshalb selbst eine Frage ans Publikum: „Zu folgendem Punkt würde mich Ihre Meinung interessieren …“ Damit Sie auch mit Sicherheit eine Antwort erhalten, fügen Sie eine Alternativfrage hinzu: „Sind Sie für oder gegen …?“

Man fragt Sie etwas, was Sie nicht wissen. Auf keinen Fall Kenntnis vortäuschen! Wie peinlich, wenn jemand im Publikum sitzt, der es besser weiß, und Sie vor aller Augen korrigiert! Sagen: „Das ist ein interessantes Thema. Ich wollte, ich hätte die zeit gehabt, mich damit zu befassen.“ Sie müssen keine Frage fürchten, denn Sie haben immer zwei Alternativen. Wenn Sie die Antwort genau wissen, antworten Sie. Wenn Sie die Antwort nicht genau oder gar nicht wissen, sagen Sie: „Das ist ein interessanter Aspekt, aber leider nicht mein Thema. Ich werde es mir aber notieren.“

Man konfrontiert Sie mit einer Gegenautorität. Eine der gefürchtetsten Anfragen lautet etwa: „Sie sagten vorhin … Doch wie Sie sicher wissen, haben Schulze und Kollegen schon 1996 in ihrer wegweisenden Studie nachgewiesen, dass … Mich wundert, dass Sie immer noch diesen überholten Standpunkt vertreten.“ Tun Sie auf keinen Fall, als ob Sie die Studie von Schulze und Kollegen kennen, wenn das nicht der Fall ist! Der Fragende kann sie erfunden haben, um sie zu blamieren. Geben Sie Ihre Unkenntnis sofort zu! Keine fraglos hingenommene Autoritätsgläubigkeit! Fragen Sie detailliert zurück: „Wo ist die Studie veröffentlicht? Was haben Schulze und Kollegen genau herausgefunden? Mit welcher Methode?“ Meist kennt der Fragesteller seine Autorität auch nur vage und vom Hörensagen. Doch selbst wenn er alle Details drauf hat – setzen Sie sich nicht mit der Autorität auseinander, da Sie die Studie nicht vor sich liegen haben. Notieren Sie die Ihnen genannte Quelle, aber diskutieren nur über die Meinung des Fragestellers, nicht über eine Studie, die Sie nicht kennen. Geben Sie Wissenslücken zu, das wirkt menschlich und verschafft Ihnen bei der Mehrheit Sympathie.

Gegenangriffe: Die Versuchung ist groß, mit einem einzelnen Gegner (oder einer gegnerischen Gruppe) einen Streit auszufechten, bei dem die übrigen nur noch Zuschauer sind. Bremsen Sie sich. Einen Zank legt man Ihnen als Schwäche aus. Wenn Sie merken, dass sich die Fragenden mit Ihrer Antwort nicht zufrieden geben, sondern streiten wollen, haben Sie zwei Möglichkeiten. 1. Sie danken für die Frage und versprechen, weiter darüber nachzudenken. 2. Sie geben die Frage ans Publikum weiter und lassen die Zuhörer untereinander diskutieren. Sie selbst ziehen sich in die Rolle des (unparteiischen) Moderators zurück.

Moralisches Urteil: Vorträge zu umstrittenen Themen sorgen immer für eine lebhafte Diskussion. Wenn Sie über Abtreibung, Sterbehilfe, Todesstrafe, Militärhilfe im Ausland oder ähnliches reden, müssen Sie damit rechnen, dass Andersdenkende ein moralisches Urteil über Sie fällen: „Sie rechtfertigen also die Tötung des ungeborenen Lebens? In meinen Augen ist das Aufruf zum Mord. Solche wie Sie gehören eingesperrt.“ Hier geht es um Überzeugungen, nicht um wahr oder falsch. Eine Diskussion würde den Graben vertiefen und könnte sogar in Handgreiflichkeiten enden. Sie haben zwei Möglichkeiten, sich elegant aus der Bredouille zu ziehen.
1. Sie sagen einfach: „Es tut mir leid, dass ich Sie nicht überzeugen konnte.“ Oft steht hinter dem emotionalen Angriff eine persönliche Erfahrung des Urteilenden. Wenn überhaupt, sollten Sie darüber nur unter vier Augen diskutieren.
2. Sie filtern aus dem Angriff ein sachliches Moment heraus, indem Sie eine Begriffsdefinition abfragen, etwa: „Was verstehen Sie in diesem Zusammenhang unter Mord? Was bedeutet ‘Leben’ für Sie? Schließt es Bewusstsein ein? Oder meinen Sie jede Art von organischem Leben? Ist dann auch für Sie Tötung eines Rindes Mord?“ Über diese sachlichen Momente des Problems können Sie sinnvoll miteinander diskutieren.

Zuhörer gehen nach und nach: Redner fassen dies automatisch als Kritik „mit den Füßen“ an sich auf. Oft ist der Anlass aber ein anderer. Ich habe diese Situation mal in einem Riesensaal erlebt. Nach und nach leerte sich die Arena. Der Redner wurde immer unsicherer. Doch es war der 9. November 1989. Im Saal machte lediglich die Nachricht die Runde, dass die Mauer geöffnet worden war. Fragen Sie also nach den Gründen bei Leuten, die Sie gerade hinaus gehen sehen. Nur wenn sie verlegen antworten, sie müssten leider heim, sind Sie gut beraten, mit einem kurzen Dank an alle den Abend zu beenden.

Literaturtipp:

Im August 2005 erscheint:
Harry Holzheu: Das ultimative Rhetorikbrevier. Die 120 besten Erfolgsprinzipien für Redner. ECON-Verlag Berlin.

Lesen Sie bei uns auch:
Rhetorik (I) So bereiten Sie Ihren publikumswirksamen Auftritt vor
Rhetorik (II) So sprechen sie souverän vor Publikum 

Veröffentlicht im Juli 2005 © by www.berlinx.de

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