Pleite – aber mit Niveau

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Das Glück des Verzichtens

In den Wirtschaftswunderjahren bedeutete mehr Wohlstand auch mehr Lebensglück. In den letzten Jahren bringt materieller Besitz eher Frust als Lust: Spritpreise steigen, Ratenkredite fressen bei sinkenden Löhnen das Familienbudget auf. Der Ausweg: Weniger ist manchmal mehr.

Als Jenny zum 14. Geburtstag ihr erstes Handy bekam, rief sie damit stolz alle Freundinnen an und erzählte ausführlich von ihrer neuesten Errungenschaft. Nun gehörte sie auch zu den Erwachsenen! Die Folge: In kurzer Zeit hatte sie eine Rechnung von dreihundert Euro produziert. Ihr nächste Geschenk zu Weihnachten: Die Eltern übernahmen einen Teil ihrer Schulden. Inzwischen ist Jenny 18 und hat einen radikalen Schnitt gemacht. Sie hat ihr Handy abgeschafft.

Als ab 2001 die Wirtschaftsflaute in deutsche Haushalte einzog, versuchten viele, mit aller Macht das frühere Niveau aufrechtzuerhalten. Seitdem fehlt oft das Geld für das Notwendigste. Andere strichen zähneknirschend ihre gewohnten Urlaubsreisen oder das neues Auto. Eine dritte Gruppe schließlich entschloss sich zu radikalem Sparen. Die Überraschung: Für viele erwies sich der erzwungene Verzicht als wahrer Segen. Denn materieller Verzicht bedeutet auch Vereinfachung.

Gerade teure Konsumgüter sind nicht nur eine Quelle von Freude, sondern auch von Stress:

  • Ein Eigenheim ersetzt die Miete durch Kreditraten. Dazu steigen die Betriebskosten und die Hausarbeit nimmt zu. Die Nachbarn lärmen zwar nicht mehr von oben, dafür um so lauter vom Nebengrundstück. Da kein Wohnungsvermieter mehr da ist, der mit Wohnungskündigung drohen kann, bleibt nur der teure Anwalt.
  • Ein Auto macht mobil und unabhängig von Fahrplänen. Staus, Parkplatzsorgen und steigende Ölpreise schaffen jedoch neue Sorgen, die der U-Bahn-Stammgast nicht kennt.
  • Immerzu modische Klamotten kaufen belastet nicht nur das Budget, sondern verstopft auch die Kleiderschränke. Jede Frau weiß, dass es Lust macht, neue Schuhe zu kaufen, aber eine Qual bedeutet, sich von älteren Teilen zu trennen.
  • Terrorangst trübt die Freude an Urlaubsreisen – nicht nur islamische Länder wie die Türkei und Ägypten rufen ein mulmiges Gefühl hervor, sondern inzwischen auch London, Paris und Madrid. Erholsame, ruhige Gegenden sind auf der Welt kaum noch zu finden.

Wer heute mit teuren Schlitten und Rolexuhren protzt, erntet längst nicht mehr die Bewunderung, die er sich erhofft. Wer mit Geld um sich wirft, wirkt vulgär. Die wirklich wertvollen Güter kosten kein Geld, sind aber schwer zu organisieren: freie Zeit, Stille, Sorglosigkeit Freundschaft und Liebe.

Der Weg dahin steht jedem offen. Er erfordert jedoch den Mut, sich gegen die verführerischen Botschaften von Werbung, Zeitgeist und konsumtionsfreudigen Mitmenschen abzuschotten. Am Anfang steht eine strenge Inventur des eigenen Lebensstils. Überprüfen Sie bei allem, wofür Sie bislang Geld ausgeben: Brauche ich es wirklich? Wie fühle ich mich, wenn ich probeweise darauf verzichte? Sie müssen es nicht so weit treiben, wie der altgriechische Philosoph Diogenes, der in einer Tonne wohnte. Als er eines Tages sah, wie ein Knabe Wasser mit bloßen Händen aus einer Quelle schöpfte, warf er seinen Becher fort, weil er ihn als überflüssig erkannte. Dennoch: Ein bisschen mehr Bescheidenheit lohnt sich. Je rarer ein Gut, desto mehr Spaß macht der Genuss.

Beispiel Handy: Als die ersten Geräte aufkamen, wirkte ein Telefonat in der Öffentlichkeit wie eine Sensation. Heute – wo jeder sich so ein Ding leisten kann – stellen sich eher folgende Fragen: Wollen Sie wirklich ständig erreichbar sein? Mögen Sie es, wenn während Ihrer Autofahrt jemand anruft? Oder wenn in der U-Bahn die Fahrgäste Ihre Klingeltonvorlieben kommentieren und Ihre Gespräche mithören? Wollen Sie jederzeit aus Ihren Beschäftigungen herausgeläutet werden? Können Ihre Mitteilungen nicht warten, bis Sie zu Haus am billigeren Festnetz angelangt sind? Können Sie die zahlreichen Funktionen wie Fotografieren, E-Mails abrufen und Computerspiele überhaupt nutzen?

Beispiel Computer: Kein anderes Gerät wird so oft – alle drei Jahre oder noch schneller – erneuert. Jedes Mal müssen Sie das Gerät neu einrichten, Dateien übertragen, sich in neue Software einarbeiten. Die immer umfangreicheren Programme sind oft störanfällig und nur mit viel Erfahrung zu beherrschen. Windows XP-Nutzer sind bevorzugte Zielscheibe von Viren und Würmern. Ältere Versionen wie Windows 98b bleiben verschont.

Beispiel Schnäppchenjagd: Sie müssen sparen? Dann ist es vernünftig, Dinge dann zu kaufen, wenn sie verbilligt angeboten werden. Wenn Sie jedoch anfangen, alles zu kaufen, was gerade verbilligt angeboten wird, kann Sparen zu einem teuren Hobby werden, das Ihre Wohnung mit nicht benötigten Vorräten zumüllt.

Wer aus der Not des Verzichts eine Tugend macht, wird aber noch eine andere Erfahrung machen. Er wird nicht als armer Schlucker verachtet, sondern gewinnt den Respekt der Umgebung. Die Haltung macht den Unterschied:

  • Wer jammert, was er alles nicht hat, erweckt höchstens Mitleid und heimliche Verachtung.
  • Wer dagegen sagt „Ich verdiene gern weniger, weil ich dafür unbezahlbare Lebenszeit gewinne“ erweckt Bewunderung und Neid derer, die es nicht schaffen, loszulassen und auszusteigen.

Die Kunst des genussvollen Verzichtens beruht auf folgenden Regeln:

Selbst-Inventur: Was Ihnen wichtig? Wenn Sie bisher Dinge kauften, um sich selbst besser zu fühlen oder Anerkennung zu erlangen – beschließen Sie von nun an, Ihr seelische Wohlbefinden ohne den Umweg über materielle Güter zu erlangen.

Umwerten. Betrachten Sie bei jeder Ware, die Sie gern erwerben würden, nicht nur die Vorteile, sondern auch die Nachteile: Sie kostet Geld, sie nimmt Platz in der Wohnung weg, die Beschäftigung mit ihr kostet Zeit. Daraus ergeben sich die Vorteile des Verzichts. Sie sparen Geld, Platz und Zeit. Sie können das Geld anlegen und Zinsen erwirtschaften. Wenn Sie weniger Dinge besitzen, können Sie sich eine kleinere, preiswertere Wohnung leisten. Der Aufwand an Hausarbeit sinkt. Sie erlangen freie Zeit für Muße. Sie brauchen sich keine Sorgen um Folgekosten, Reparaturen usw. machen.

Planung. Wenn Sie sich spontan etwas Gutes tun wollen – gehen Sie nicht einkaufen! Rufen Sie (vom Festnetz!) lieber gute Freunde an, machen Sie einen Fahrradausflug oder holen sie sich ein spannendes Buch aus der Bibliothek. Kaufen Sie nur, was Sie sich vorher gründlich überlegt haben. Selbst Schnäppchen werden hinterher teuer, wenn das günstige Ding später bloß im Weg steht. Oder wenn Sie gar weitere Sachen kaufen müssen – zum Beispiel die passende Hose zu der Bluse aus dem Sonderangebot

Stil ist wichtiger als Mode. Was im Trend liegt, ist auch schnell wieder out. Wenn Sie etwas Modisches kaufen – überleben Sie sich genau, ob Sie sich davon nach einem halben Jahr auch wieder leichten Herzens trennen würden. Besser: Definieren Sie Ihren persönlichen Stil. (Tipps dazu in unserem Beitrag „Stil – Sich gekonnt selbst darstellen heißt: Erfinden Sie sich neu!“) Ignorieren Sie konsequent alles, was nicht in Ihren Stil passt. Verhalten Sie sich minimalistisch. Nur weniges kaufen, was sich mit den übrigen Teilen Ihres Stils gut kombinieren lässt und über zeitlose, langlebige Eleganz verfügt.

Rare Höhepunkte. Früher war Champagner ein Hochgenuss bei seltenen Festen. Heute ist das Edelgetränk so billig zu haben, dass man es jede Woche trinken könnte. Dann aber wird das Besondere gewöhnlich. Was tut Ihnen gut? Was bereitet Ihnen Genuss? Achten Sie darauf, sich dieser Dinge nicht zu oft zu erfreuen. Sonst berauben Sie sich einer Quelle von Glück, weil sie zur Routine herabsinkt.

Monotasking statt Multitasking. Um Zeit zu sparen, tun wir gern mehrere Dinge gleichzeitig: Fernsehen, in der Zeitung blättern, telefonieren, essen. Das Ergebnis: Wir tun vieles und nichts richtig. Vor allem bleibt nichts davon in unserem Gedächtnis haften, weil wir unkonzentriert sind. Am nächsten Tag haben wir Probleme zu sagen, welchen Film wir gesehen haben, mit wem wir telefonierten, was wir gegessen haben. Da hätten wir auch genauso gut nichts von alle dem tun können. Also nur eines tun, aber das mit voller Aufmerksamkeit.

Karriere – nein danke. Der Traum vom beruflichen Erfolg und Megaeinkommen kostet Jahre. Wir absolvieren lange Ausbildungen und Weiterbildungen. Wir lesen ständig trockene Fachpublikationen, um auf dem neuesten Stand zu bleiben. Wir umschmeicheln Kollegen, Chefs und Kunden, investieren Geld in Messereisen, edle Anzüge und Geschäftsessen. Alles für ein zweifelhaftes Ergebnis. Die meisten hoffnungsvollen Karrieren enden irgendwo auf mittlerer Angestelltenebene – oder gar in der Arbeitslosigkeit, sobald die Firma mal ins Trudeln gerät. Sie sparen viel Lebensenergie, wenn Sie sich aus dem Rennen um die knappen Pfründe heraus halten. Etwa, indem Sie sich unauffällig benehmen und auf Dienst nach Vorschrift beschränken. Diese Taktik empfahl die Französin Corinna Meiers, die im staatlichen Energiekonzern in Paris arbeitet. Ihr Buch „Die Entdeckung der Faulheit“ traf einen Nerv der Zeit und avancierte zum Bestseller.

Buchtipp:
Alexander von Schönburg: Die Kunst des stilvollen Verarmens. Rowohlt 2004.

Veröffentlicht im Oktober 2005 © by www.berlinx.de

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2015-11-14T18:22:21+00:00Psychologie des Alltags|

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