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(Körpersprache (I) zuerst lesen?)

Selbstverständlich kommt es auf die inneren Werte an. Nur: Woher wissen wir, wie es damit bei unserem Gegenüber aussieht? Das erste, was wir von einem Menschen wahrnehmen und was wir am leichtesten beurteilen können, ist sein Äußeres. Es entscheidet, ob wir uns überhaupt die Mühe machen, sie oder ihn näher kennenzulernen.

Wie viele Menschen kennen sie so gut, daß Sie mit Sicherheit sagen können, wie es um ihre inneren Werte – zum Beispiel Zuverlässigkeit, Treue oder Hilfsbereitschaft – bestellt ist? Wahrscheinlich können Sie deren Zahl an einer Hand abzählen. Bei der überwiegenden Anzahl unserer Kontakte verlassen wir uns auf Äußerlichkeiten: Bei dem neuen Arzt, den wir das erste Mal aufsuchen, auf den Doktortitel und die Solidität, die seine Praxiseinrichtung und der weiße Kittel ausstrahlen. Bei dem Finanzberater unserer Bank auf die Seriosität, die er durch dunklen Anzug und die Krawatte und die kostspielige Einrichtung der Filiale unterstreicht. Würde er in einer Baracke hausen und Ihnen in Jeans und T-Shirt entgegentreten, würden sie vermutlich zögern, ihm Ihre sauer verdienten Ersparnisse anzuvertrauen, auch wenn Sie gern selbst in Jeans und T-Shirt herumlaufen.

Um die inneren Werte eines Menschen zu entdecken, müssen wir erst einmal mit ihm in Kontakt treten. Und das tun wir nur dann, wenn sein Äußeres Vertrauen und Sympathie ausstrahlt. Die Entscheidung, ob unser Gegenüber vertrauenswürdig ist, treffen wir in den ersten dreißig Sekunden – und zwar allein aufgrund von Äußerlichkeiten. Wer uns in dieser kurzen Zeitspanne nicht überzeugt, wird nie die Gelegenheit erhalten, uns an seinen inneren Werten teilhaben zu lassen. Wahre Schönheit mag von innen kommen, bleibt aber unentdeckt, wenn das Äußere uns nicht neugierig macht.

Diese Wirkung des Äußeren wurde in zahlreichen Experimenten nachgewiesen. Vier Beispiele:

· Systematische Beobachtungen ergaben, daß schöne Kinder beider Geschlechter von Lehrern seltener bestraft und als besser beurteilt werden als die übrigen.

· An einer amerikanischen Universität wurden Psychologiestudenten 226 Fotos von Menschen mit unterschiedlicher Attraktivität vorgelegt. Sie sollten deren Kompetenz beurteilen. Die wenig attraktiven wurden als den Anforderungen nicht gewachsen eingeschätzt, die gut aussehenden als überzeugend und einflußreich.

· Unter gleich qualifizierten Kollegen erhalten die gepflegteren leichter eine Gehaltserhöhung. Chefs bieten zudem flott gekleideten Stellenbewerbern bis zu dreißig Prozent mehr Gehalt an als gleich qualifizierten Konkurrenten.

· Interviewer erweisen attraktiven Menschen mehr Respekt und versuchen unbewußt, sie der Öffentlichkeit in einem besseren Licht zu präsentieren. Das ergab eine Studie der Universität Pittsburgh.

Was macht aber Schönheit – oder allgemeiner ausgedrückt: ein sympathisches, angenehmes Äußeres – aus?

Lassen Sie uns dazu einen kleinen Ausflug in die Welt der Wissenschaft unternehmen. In einem klassischen, in vielfachen Variationen wiederholten Experiment, herauszufinden, was menschliche Schönheit ausmacht, gingen die Forscher folgendermaßen vor: Man nahm Paßbilder von ungefähr zwanzig Männern und stellte mittels Computer durch Übereinanderlegen der Fotos und Ermitteln der Mittelwerte ein Durchschnittsfoto her. Nun legte man diese Fotos einer genügend großen Zahl von Frauen vor mit der Aufforderung, diese Fotos in der Rangfolge ihrer Schönheit zu ordnen. Ergebnis: Das am Computer erzeugte Mittelwertsgesicht wurde eindeutig als das schönste eingeschätzt.

Das gleiche Resultat erhält man, wenn man Männer die Fotos von Frauen beurteilen läßt. Schönheit ist Durchschnitt. Aber die Forscher fanden noch ein weiteres aufschlußreiches Resultat: Das schönste Gesicht ist auch dasjenige, das am schnellsten vergessen wird.

Das glatte Ebenmaß wirkt leblos, maskenhaft und langweilig. Thomas Mann sprach von der „Ödigkeit vollkommener Schönheit“. Was nützt es, makellos zu sein, wenn man nicht im Gedächtnis der Menschen haften bleibt?

Deshalb werden die meisten sagen: Schönheit genügt nicht. Man muß auch Persönlichkeit ausstrahlen, interessant wirken. Das bedeutet, die Symmetrie und das Ebenmaß gewinnen Charakter durch wenige, aber charakteristische abweichende Details. Model Cindy Crawford überlegte am Anfang ihrer Laufbahn den kleinen Leberfleck über ihrer Oberlippe operativ entfernen zu lassen. Heute ist sie froh über ihr Zögern. Der kleine Schönheitsfleck ist ihr individuelles Markenzeichen geworden.

Mancher wird jetzt sagen: Männer mögen vielleicht auf Schönheit achten. Für Frauen zählen aber andere Werte. Tatsächlich? Liest man Partnerschaftsanzeigen von Frauen, wird man feststellen, daß ein äußeres Merkmal bei der Suche nach dem Wunschpartner ganz oben auf der Prioritätenliste steht: Die Körpergröße. Männer unter 1,80 Meter haben kaum Chancen, als attraktiv und männlich eingestuft zu werden. Befragungen ergaben:

97,5 Prozent aller Frauen wollen einen Partner über 1,80 Meter. Dabei spielt keine Rolle, ob die Frau selbst groß oder im Gegenteil sehr klein ist. Die Zahl der Männer, die eine kleine oder sehr kleine Frau wollen, ist geringer. Sie beträgt 71 Prozent.

47 Prozent der Männer könnten sich vorstellen, unter Umständen mit einer Frau zusammenzuleben, die bis zu zehn Zentimeter größer ist als sie. Aber nur 27 Prozent der Frauen würden unter gleichen Voraussetzungen einen Mann tolerieren, der bis zu zehn Zentimeter kleiner ist als sie.

Obwohl die Körpergröße bekanntlich keine Charaktereigenschaft ist, halten wir größere Menschen für dominanter als kleine. Das gilt auch für die Selbsteinschätzung: Je kleiner wir sind, um so eher neigen wir zu Selbstzweifeln. Einige Forschungsergebnisse, die diesen Zusammenhang bestätigen:

Personen mit hohem sozialen Status (zum Beispiel Politiker und Prominente) werden von befragten Zuschauern als körperlich größer eingeschätzt als sie tatsächlich sind. Umgekehrt werden unbedeutende Menschen meist für kleiner gehalten.

Kinder unter 5 Jahren, die von sich aus Kämpfe mit ihren Kameraden anfangen, gehören zu 70 Prozent zum Drittel der körperlich Größten der Kita-Gruppe, zu 18 Prozent zum mittleren Drittel und nur zu 17 Prozent zum Drittel der Kleinsten. Diese ungleiche Aufteilung ist kein Resultat früherer Erfahrung, also etwa, daß die Größeren eher die Raufereien gewinnen. Kinder bis zu 5 Jahren glauben nämlich immer, daß sie gewinnen werden. Sie können die Kräfteverhältnisse noch nicht einschätzen.

Männer, die klein sind, suchen verstärkt nach Kompensation. Für 80 Prozent aller Männer ist beruflicher Aufstieg wichtig. Aber von diesen sind nur 18 groß, 27 mittelgroß, jedoch 55 Prozent klein!

In der nächsten Ausgabe erfahren Sie, wie der erste Eindruck durch Gesichtsausdruck, Blicke, Lächeln und andere Körperbewegungen beeinflußt wird. 

Veröffentlicht im Januar 1999 © by www.berlinx.de

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