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Seit dem Siegeszug der T-Aktie 1996 wollen Millionen von Kleinanlegern bei der Jagd nach dem großen Geld mitmischen. Doch wogegen selbst die Profis nicht gefeit sind, kann für Otto und Ottilie Normalverbraucher erst recht eine böse Falle werden: die Streiche ihrer eigenen Psyche. EGO-Net klärt auf.

Drei Seelenzustände beherrschen das Geschehen an der Börse: Gier, Angst und Herdentrieb. Was auf den ersten Blick als Domäne kühler Rechner und ökonomischen Sachverstands erscheint, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als Versammlung leidenschaftlicher Spieler, die aus dem Bauch heraus Risiken eingehen, die sich durch keinerlei Logik rechtfertigen lassen. An einem Tag fühlen sich die Akteure als Millionäre und lassen die Sektkorken knallen. Am nächsten Tag herrscht Katerstimmung, und es werden heimlich Stellenanzeigen studiert.

Ginge es bei den Aktienkursen allein nach harten ökonomischen Fakten, müßten sie erstens viel niedriger sein und zweitens viel weniger schwanken. Aber da kein Börsenprofi den Wert der Unternehmen, deren Anteilscheine (die Aktien) er handelt, auch nur einigermaßen genau kennt, ist der Spekulation Tür und Tor geöffnet – und damit dem bestimmenden Einfluß von Spieltrieb und der guten bzw. schlechten Stimmung.

Seine Ersparnisse Bankfachleuten anvertrauen, die selbst den Fallen der Börsenpsychologie ausgesetzt sind: kein angenehmer Gedanke! Untersuchungen zeigen, daß Profis genauso wenig davor gefeit sind, infolge der gerade herrschenden Börsenstimmung eine falsche Entscheidung zu treffen, wie der Amateur, der wegen der euphorischen Medienberichte sein Sparguthaben auflöst und in Aktien investiert, die kurz darauf in den Keller stürzen. Um größeren Fehlern vorzubeugen, haben die Geldinstitute für ihre Fondsmanager strikte Verhaltensregeln erlassen, die unverantwortlichem Spekulieren vorbeugen und größere finanziellen Katastrophen verhindern sollen.

Wie ist es überhaupt möglich, daß sich mitten in der Sphäre der Wirtschaft, wo es sonst nach Effektivität, logischen Analysen und Sparsamkeit geht, ein Betätigungsfeld für Spieler etabliert hat? Das eher einem Roulettetisch in Monte Carlo ähnelt als der Planungszentrale eines Konzerns? Der Grund liegt darin, daß an der Börse streng genommen nicht Wertanteile gegenwärtiger Unternehmensgewinne gehandelt werden, sondern Hoffnungen auf zukünftige Gewinne – und die sind ungewiß. Bereits erwirtschaftete Gewinne sind nur für die Aktionäre interessant, die schon seit längerem Aktien besitzen. Wer Aktien neu erwirbt, hofft auf zukünftig steigende Gewinne. Denn mit seiner Aktie erwirbt der Anteilseigner Rechte auf einen prozentualen Anteil künftiger Gewinnausschüttungen (der Dividende) und die Hoffnung, daß er seine Aktie später zu einem höheren Kurs verkaufen kann als er sie erwarb.

Deshalb ähnelt die Börse einem Roulette. Die Zukunft ist prinzipiell unvorhersagbar (siehe dazu unsere Beiträge über Zukunftsprognosen in EGO-Net Januar 2000 und „Glück haben“ in EGO-Net Mai 1999). Genauso wenig wie zehnmal Rot hintereinander beim Roulette die Chancen erhöht, daß beim elften Mal Schwarz fällt, ist der lange steigende Kurs einer Aktie eine Garantie, daß er nicht am nächsten Tag ins Bodenlose fällt. Wenn es um die Zukunft geht, gibt es nur Wahrscheinlichkeiten, über die sich die Fachleute meist uneins sind. Jeder Aktienkurs ist deshalb eine Wette auf die Zukunft. Würden alle derselben Meinung über eine bestimmte Aktie sein und im Laufe der Zeit von der realen Wirtschaftentwicklung recht bekommen, könnte niemand Gewinne machen. Der Kurs würde nicht schwanken. Gewinne und Verluste sind aber erst bei sich ändernden Kursen möglich.

Schauen wir uns ein typisches Beispiel: Anfang 1999 waren Aktien von Internetfirmen nur bei wenigen Kennern ein Renner. Plötzlich aber kamen Internetfirmen in Mode. Von riesigen Gewinnzuwächsen in naher Zukunft war die Rede. Auf einmal berichteten alle Medien davon. Im Nu schnellte der durchschnittliche Kurs um mehrere hundert Prozent in die Höhe. Wer Angang 1999 schon solche Aktien besaß, machte märchenhafte Gewinne. Die meisten Anleger (auch die Profis) kauften die Aktien aber erst, als alle Welt davon redete – also zu einem Zeitpunkt, als die Kurse schon hoch waren. Ein paar Wochen stiegen sie noch weiter, dann hatte sich alle Interessenten versorgt. Der Kurs verharrte auf hohem Niveau. Dann fingen die ersten an, ihre Gewinne „mitzunehmen“ wie es in der Fachsprache heißt, also ihre Internetaktien zu verkaufen. Die Kurse fielen ab März 2000 um bis zu 80 Prozent. Alle Späteinsteiger, die zu hohem Kurs kauften und ihre Aktien behielten, weil sie auf weitere Kurssteigerungen hofften, verloren mehr als Hälfte ihres Geldes. Sie wurden Opfer der Börsen­psychologie.

Es ist völlig klar: Wenn die einen märchenhafte Gewinne einfahren, müssen andere die Zeche bezahlen. Irgendwo muß das Geld der Gewinner schließlich herkommen. Was steckt psychologisch hinter dem Ansturm auf die Internetaktien? 1999 waren die meisten Experten noch sehr skeptisch, ob sich mit dem Internet je größere Gewinne erzielen lassen. Dann sprach sich herum, daß einige Marktführer wie Amazon überdurchschnittliche Zuwachsraten erreichten und in einigen Ländern schon in die Gewinnzone kamen. Da in den Folgejahren die Zahl der Internetnutzer noch um ein Mehrfaches wachsen würde, schien es nur logisch, den beteiligten Firmen märchenhafte Zuwächse zuzutrauen. Das Tückische: Der Aktienmarkt wirkt wie eine selbsterfüllende Prophezeiung. Das heißt: die Spezialisten, die den Zuwachs voraussagten, kauften die Aktien und empfahlen sie ihren Kunden zum Kauf. Die kauften – und der Kurs stieg. Allein der Glaube an das Wachstum versetzte (Geld-) Berge. Das hatte zur Folge, das einige Firmen wie Yahoo nach ihrem Aktienwert vorübergehend auf die Größe eines Riesenkonzerns wie General Motors anwuchsen.

Hier wurde die Gier auf Gewinne durch den Herdentrieb verstärkt. Es bildete sich eine allgemeine gesellschaftliche Euphorie heraus, in der selbst ängstliche Kleinsparer ihre letzten tausend Mark locker machten, um in ein Spiel einzusteigen, wo sich das Geld scheinbar von selbst vermehrt. Wenn sogar schon die Boulevard-Presse in fetter Schlagzeile verkündet „Jetzt einsteigen! Deutschland im Aktienfieber!“ – dann fällt es schwer, ein kühler Rechner zu bleiben und sich nicht mitreißen zu lassen. Selbst erfahrene Profis, die wissen, daß die Kurse schon viel zu stark gestiegen sind und eigentlich nur noch fallen können, denken auf einmal hoffnungsfroh: „Vielleicht kommt diesmal alles anders.“

Es kam natürlich nicht anders. Plötzlich häuften sich die Nachrichten, daß die Euphorie ein Luftschloß ohne realen Boden war – und die Internet- und High-Tech-Aktien stürzten ab. Die Kleinanleger und viele Profis, die in der Zeit der Euphorie Geld investierten, fuhren kräftige Verluste ein. Eine Minderheit, die ihre Aktien rechtzeitig in Bargeld verwandelte oder in andere Bereiche investierte (zum Beispiel Pharma- und Biotechnologiewerte oder Aktien der Ölmultis) strich das investierte Geld ein.

Die Erfahrung zeigt, daß Amateure Profis mit ihrer Anlagestrategie schlagen können, wenn sie sich vor den psychologischen Fallen des Aktienmarktes hüten. Es ist nun mal eine positive Tatsache: Der Aktienmarkt bleibt trotz aller Risiken die effektivste Möglichkeit, seine Ersparnisse anzulegen. Während Sparzinsen kaum über der Inflationsrate liegen und ab einer bestimmten Summe (3100 DM pro Person) außerdem noch versteuert werden müssen, sind Gewinne aus Aktien – sofern sie länger als ein Jahr gehalten werden – steuerfrei und bei psychologisch kluger Anlage weitaus höher. Über mehr als fünf Jahre gerechnet, lassen sich ohne Insiderkenntnisse mit Standardaktien jährliche Wertzuwächse von durchschnittlich zehn Prozent erzielen. Verluste in schlechten Börsenjahre werden in nachfolgenden guten Börsenjahre kompensiert.

In zweiten Teil dieses Beitrages in der nächsten Ausgabe erfahren Sie, wie Sie sich vor den psychologischen Fallen des Aktienbooms schützen und sich die Irrtümer der anderen für ihre eigene Geldanlage zunutze machen.

Lesen Sie beim nächsten Mal:

Börsenpsychologie, Teil II,
Psychofalle Geld

Börsenpsychologie (III)
Krisensichere Strategien für langfristige Gewinne

 

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