Keine Frage: Meine Strategie
hat sich ausgezahlt. Die ersten drei Runden gingen mit voller
Punktzahl an mich. Daher meine Hoff-nung, auch für
die vierte Ebene eine Lösung zu finden. Aber ich habe
nicht damit gerechnet, dass die Raffinesse meines Gegners
- genauer: meiner Gegnerin, um im Modus des Spiels zu bleiben
- noch eine weitere Steigerung zulässt. Ich spüre,
dass der Wettkampf an seinem entschei-denden Wendepunkt
angekommen ist. Also Leute, wer immer sich in meinen Chatroom
verirrt, sendet mir die rettende Idee!
Knacken eines Rätsels durch Rekapitulation seiner Entdeckung:
Gibt es einen glänzenderen Vorwand, um euch für
die Sackgasse zu interessieren, in der ich gelandet bin?
Am Anfang stand nur ein dummer Tippfehler. Ich wollte die
Adresse einer Computerzeitschrift eingeben, hatte aber einen
Buchstabendreher drin. Statt ei tippte ich ie.
Voreiliges Drücken der Returntaste - und plötzlich
wurde mein Bildschirm schwarz. Kompletter Systemabsturz,
fürchtete ich. Gerade wollte ich ausschalten und neu
starten, da öffnete sich in der Mitte ein helles Fenster.
Ein kleiner Punkt, der rasch nach allen Seiten anwuchs,
bis er den Bildschirm füllte. Der Anblick ließ
meinen Atem stocken.
Versteht mich recht, ich bin kein Neuling im Internet. Lockfotos
aufreizender Blondinen behandle ich sonst genauso wie Tampon-werbung
und Links zu ostasiatischen Aktienfonds: Ich klicke mich
im Höchsttempo daran vorbei zum eigentlichen Inhalt
der Seite. Auch diesmal hatte ich schon den Cursor auf der
Webadresse, um durch Korrigieren des falsch getippten Namens
zur vertrauten Online-Zeitschrift weiterzuspringen. Mein
Zeigefinger schwebte bereits über der Eingabetaste,
um die Änderung zu bestätigen, als ich in letzter
Sekunde innehielt.
Zunächst war es die Animation, die meine Aufmerk-samkeit
fesselte. Während das Mädchen sich auf seinem
Kissen rekelte, drehte sich das Bild einmal komplett um
seine Achse. Sodass man in Ruhe jedes Detail bewundern konnte.
Der ruhende Mittelpunkt, um den die Kamera kreiste, war
sie, und sie schaffte es, ihr Lächeln während
der gesamten Drehung dem Auge des Beobachters folgen zu
lassen. Ohne ihre Position wesentlich zu verändern.
Wie machte sie das bloß? Wie gelang es ihr, mich bei
der Stange zu halten, obwohl mich sonst jedes Moorhuhnschießen
hundertmal mehr reizte als das makelloseste Stück Haut?
Schön, sie war nicht blond, sondern dunkel mit einem
rötlichen Schimmer. Aber sonst: das Haar lang und seidig,
das Lächeln betörend, nicht das kleinste Fitzelchen
Kleidung - logisch betrachtet nichts als die übliche
Langeweile. Wo lag der Trick? Die echten Computerfans unter
euch kennen das Gesetz: Wenn du ein Programm nicht verstehst,
vollziehe seinen Ablauf Schritt für Schritt nach. Also
fing ich an, das Mädchen Detail für Detail auszumessen.
Ihr wisst vielleicht, Leute, dass die Höhe des Kopfes
ein Siebtel der Gesamtlänge des Körpers betragen
soll? Dass ein symmetrisches Gesicht in drei gleiche Zonen
geteilt werden kann: vom Haaransatz zur Oberkante der Augenwimpern,
von dort zur Unterkante der Nase und von dort zum Kinn?
Dass die ideale Nase zur Oberlippe einen Winkel von 105
Grad bildet? Die Brustwarzen und der Nabel ein gleich-seitiges
Dreieck ergeben sollten?
Ich ließ nichts aus von dem, was die Modelagenturen
an Auswahlkriterien ins Netz stellen: Die Armlänge
im Verhältnis zur Körpergröße, die
Hand- und Fingerform, die Gestalt der Beine und deren Länge
im Vergleich zum Oberkörper, die Feinstruktur der Haut,
insbesondere an den Oberschenkeln. Wenn Sie diese Tests
an beliebigen Modelfotos durchführen, werden Sie stets
auf eine Reihe von kleiner Abweichungen stoßen. Nicht
bei ihr. Mein Ergebnis lautete: Sie ist perfekt.
Lag darin ihr Geheimnis? Mich überkam sofort der Verdacht,
dass da jemand mit einem Bildbear-beitungs-programm nachgeholfen
hatte. Ich klickte auf das Mädchen und fand Indizien,
die meine Vermutung stützten. Statt der üblichen
Aufforderung, meine Kreditkartennummer einzugeben, worauf
mir das Mädchen mein geheimsten Wünsche erfüllen
würde, erschien der lapidare Satz: Wenn du mich kennenlernen
möchtest, dann schicke mir ein Bild von dir. Und darunter
eine nullachtfünfzehn Emailadresse.
Was soll ich lange drumherum reden: Ich hatte Feuer gefangen.
Endlich mal ein originelleres Game als das ewige Herumgeballere
oder wochenlanges Aufbauen und Zerstören von Siedlungen
in Übersee. Ich beschloss mitzuspielen. Ein Foto von
mir konnte ich freilich nicht schicken. Ich bin zu klein,
zu blass und seit meinem vierten Lebensjahr auf eine Brille
angewiesen. Zum Glück wohnte die Lösung des Problems
nur ein Zimmer von mir entfernt: mein Bruder Ralph. Als
der Zufall das elterliche Erbgut zwischen uns beiden aufteilte,
schnappte er sich die körperlichen Vorzüge und
überließ mir den Rest. Bis zu diesem Tag lebten
wir beide zufrieden mit dieser Aufteilung in friedlicher
Koexistenz. Ihm brachten seine Vorzüge immerhin Platz
2 beim Stadtteilausscheid um das Gesicht des Jahres. Von
wegen Gesicht! Das interessierte die Zuschauer am wenigsten.
Bei diesem Anlass wurde auch der Videofilm gedreht, den
ich jetzt aus seinem Regal stibitzte und auf meine Festplatte
kopierte. Mein Bruder zeigte in seiner typischen Arroganz
seine Fitness-Center-Muckis von allen Seiten. Genau das,
was ich brauchte. Ein vorzeigbarer Body, ein markantes Kinn
- und gelächelt, was das Zeug hält. Gut, seine
Nase ist etwas zu breit, die Augen stehen zu eng und seine
Akne konnte die Schminke nicht völlig verdecken. Außerdem
wirkt er ein bisschen jung und unbedarft. Aber ein gutes
Bildbearbeitungsprogramm besitze ich auch und weiß
es einzusetzen.
Ihre Antwort kam prompt: Ich habe dein Bild gesehen, aber
wer bist du? Es folgte eine Liste ihrer persönlichen
Daten. Janine von Albenfels, 19 Jahre, Miss Bayern vor zwei
Jahren, Auftritte auf den Laufstegen von Lagerfeld und Gucci,
zur Zeit Studium an der Schauspielschule in München.
Keine Zeit, einen Seelengefährten kennenzulernen. Fährt
einen Ferrari. Hobbys: ihr Pferd Timmy, Kino, Kunst, Bildungsreisen,
insbesondere nach Umbrien und in die Provence....
Neugierig, wie es weitergeht?
Hier download der ganzen
Story!