EGO-NET.de
Ausgabe 04/2000
Sag mir, wer du bist
Interviews und Befragungen meistern

Ob in Talkshows, bei Umfragen auf der Straße oder auch beim Kennenlernen im privaten Kreis - im Medienzeitalter nehmen Kontakte und Neugier auf fremde Menschen zu. Ob der andere sich öffnet, hängt von den richtigen Fragen ab. Auf Journalistenschulen lernt man, durch geschickte Interviewtechnik, andere aus der Reserve zu locken.
 
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Ob Sie aus beruflichen Gründen mit den Medien zu tun haben oder nur ihre private Neugier befriedigen wollen und möchten, daß Ihnen Ihre Mitmenschen mit Vergnügen Rede und Antwort stehen - die Kenntnis von Interviewtechniken hilft Ihnen, dabei eine gute Figur zu machen. Sind Sie selbst in der Position des Ausgehorchten, können Sie mit diesem Wissen die Kontrolle behalten, was Sie von sich preisgeben und was nicht. Ohne den Eindruck zu erwecken, Sie hätten etwas Heikles zu verbergen.

In einer Interviewsituation gibt es einen, der fragt und einen, der gefragt wird - eine Binsenweisheit. Diese Rollenverteilung legt aber von vornherein ein Machtungleichgewicht fest. Wer gefragt wird, fühlt sich meist geschmeichelt, weil seine Kompetenz anerkannt wird. Er darf die meiste Zeit reden, der Fragesteller hört zu. Oberflächlich gesehen, scheint der Interviewte also die Machtposition inne zu haben.

In Wahrheit ist es jedoch genau umgekehrt. Wer fragt, gibt die Richtung des Gesprächs vor. Er entscheidet, worüber gesprochen wird und worüber nicht. Nicht zu vergessen, daß allein der Journalist und seine Redakteure entscheiden, ob und in welcher Form das Interview veröffentlicht wird. Prominente und Politiker sind sich dieser Macht der Presse durchaus bewußt. Sie versuchen, mit verschiedenen Mitteln diese Macht zu unterlaufen - indem sie die Rahmenbedingungen der Interviews festlegen oder während des Gesprächs die Führung an sich reißen wollen. Beliebt ist folgender Trick: Gefällt dem Befragten in Frage nicht, sagt er: "Das ist eine interessante Frage. Aber lassen Sie mich zunächst Folgendes sagen ..."

Kein Journalist, der sein Handwerk versteht, wird sich die Führung des Gesprächs auf diese Weise aus der Hand reißen lassen. Er wird hartnäckig auf seine ursprüngliche Frage zurückkommen. Wenn das Interview live bei knapper Zeit stattfindet, unterbricht er sein Gegenüber mit einem ähnlichen Trick: "Das ist sicher ein spannendes Thema, aber unsere Zuschauer interessiert zunächst, ob ..." - und lenkt so auf sein urspüngliches Thema zurück.

Wie man sieht, spielt sich hinter der freundlichen Fassade eines Geplauders ein unterschwelliger Machtkampf ab, der mit den Waffen der Kommunikation geführt wird. Wer auf diese Signale achtet, erfährt mehr, als wer nur die ausgesprochenen Inhalte zur Kenntnis nimmt. In aller Ausführlichkeit stellt die Journalistin und Kommunikationstrainerin Viola Falkenberg die verschiedenen Aspekte in Ihrem Buch "Interviews meistern", erschienen in der Schriftenreihe des F:A:Z:-Instituts Frankfurt am Main, vor. Wir stellen Ihnen einige wichtige Regeln für Interviewer als auch für Interviewte vor, um sich in diesem Wettstreit gut zu behaupten.

Regeln für Interviewer:

Geben Sie Ihrem Gegenüber Heimvorteil. Gehen Sie zum Befragen dorthin, wo der andere sich heimisch fühlt: sein Büro, seine Wohnung usw. Je sicherer und gelöster er sich fühlt, desto mehr wird er ausplaudern. Beginnen Sie mit Samlltalk über das Wetter oder Ihre Anreise. Dann leiten Sie zum eigentlichen Gespräch über mit "Meine erste Frage wäre ..." oder "Was ich gern von Ihnen erfahren würde ..."

Stellen Sie möglichst nur offene Fragen. Offen nennt man Fragen, die im Gegensatz zu Alternativfragen viele verschiedene Antworten ermöglichen. Dazu gehören die meisten Fragen, die mit einem Fragewort anfangen. Am besten beginnen Sie mit: "Warum ...?" "Weshalb ...?" "Wodurch ...? "Wie kommt es, dass ...?" "Was halten Sie von ...?" Darauf erhalten Sie die ausführlichsten Antworten und müssen sich um den Fortgang der Unterhaltung keine Sorgen mehr machen. Fragen, die mit "Was ...?" "Wann ...?" "Wer ...?" "Welcher ...?" und "Wo ...?" beginnen, ziehen eher kürzere Antworten nach sich.

Fragen ohne Fragewort ("geschlossene Fragen") sind eher zu vermeiden. Wenn Sie fragen: "Sicher fiebern Sie der morgigen Sitzung mit Spannung entgegen?" hängt es von der Laune Ihres Gesprächspartners ab, ob er mehr als ein einfaches "Ja" oder "Nein" für Sie übrig hat. Im Zweifelsfall formulieren Sie Ihre Frage ohne Fragewort so um, daß Sie zu einer offenen Frage wird. In unserem Beispiel: "Was erwarten Sie für sich von der morgigen Sitzung?"

Beginnen Sie mit Fragen zu unstreitigen Fakten: "Wie lange arbeiten Sie schon daran? Gibt es Veröffentlichungen? Mit wem arbeiten Sie zusammen? Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?"

Wechseln Sie zwischen Fragen nach Einzelheiten ("Was war der Auslöser für ...?) und globalen Einschätzungen ("Wie beurteilen Sie die Erfolgsaussichten für ..?")

Während eines gut laufenden Gesprächs verliert der Partner anfängliches Mißtrauen. Seine Bereitschaft, Auskünfte zu geben, wächst. Heben Sie sich deswegen brisante, heikle Fragen bis zum Schluß auf, um so eher werden Sie darauf eine Antwort erhalten. Der Befragte meint, er habe es im Prinzip schon glücklich überstanden. Am Ende ist der innere Wächter ermüdet. Je später eine Frage kommt, desto größer ist die Antwortbereitschaft.

Wird der Befragte härter, aggressiver und kritischer, lassen Sie sich von der sich verschlechternden Stimmung nicht anstecken! Im Gegenteil, nicken Sie und reagieren Sie noch freundlicher und verbindlicher als bisher. Der Befragte fühlt sich von Ihnen angenommen und wird die Gründe seines Ärgers und damit oft wertvolle Hintergrundinformationen nennen.

Ist damit zu rechnen, daß der Partner zu einer bestimmten Frage keine Auskunft geben möchte, stellen Sie eine willkürliche Behauptung auf: "Uns ist zu Ohren gekommen ..." Der Gefragte fühlt sich unwillkürlich gereizt, das Falsche zu berichtigen, und enthüllt so unbeabsichtigt die Wahrheit.

Befragte deuten kritische Fragen leicht als persönlichen Angriff. Stellen Sie solche Fragen daher immer in sachlichem, freundlichem und neutralem Ton: "Unsere Zuschauer werden sich vielleicht fragen, ob sich dahinter nicht die Absicht ... verbirgt."

Sind Sie Journalist, Ihr Interview soll veröffentlicht werden und der/die Interviewte will eine bestimmte Informationen plazieren (Eigenwerbung betreiben), so bieten Sie an, darauf zurückzukommen, wenn er erst eine bestimmte Frage beantwortet. Meist erhöht dieser Handel die Antwortbereitschaft. In der Veröffentlichung verwerten Sie nur die für Sie interessante Information, also die Antwort auf Ihre Frage.

 

Regeln für Interviewte:

Haben Sie sich bereit erklärt, Auskünfte zu geben, so versuchen Sie nicht zu missionieren, also Ihr Gegenüber von Ihrer Lieblingsidee zu überzeugen. Nüchterne Fakten sind viel überzeugender als eine schwungvoll vorgetragene Rede. Der Überschwang der Begeisterung erregt leicht Mißtrauen, der Fragende soll als Handlanger Ihrer Missionsbestrebungen mißbraucht werden. Professionelle Interviewer sind dagegen abgehärtet. Besonders Wissenschaftler wollen oft, daß Journalisten an Ihrer Stelle die Öffentlichkeit agitieren. Diese sehen aber eher ihren Auftrag, Eliten zu überwachen. Sie haben die Interessen der Leser und Zuschauer im Auge, nicht die der Auskunftgeber.

Vermeiden Sie schwammige, nichtssagende PR-Aussagen, mit denen Politiker so gern Zuschauer und Journalisten verärgern. Eine Aneinanderreihung von "Vielleichts" und "Darauf kommen wir zu gegebener Zeit zurück" sagt nichts weiter als "Das geht niemanden etwas an" und wird als das verstanden, was es im Endeffekt ist: eine Auskunftsverweigerung, weil man etwas Heikles zu verbergen hat. Einen guten Eindruck machen eindeutige Sachaussagen und klar formulierte Einschätzungen. Alles Unklare wird vom Frager interpretiert, in der Regel gegen Sie. Wirkungsvoll sind:

  • Typische Fakten.
  • Kurze plastische Beispiele,
  • eingängige Vergleiche.
  • Zahlen, so genau wie möglich. Sie zeugen von Kompetenz.

Werden Sie nach Ihrem Standpunkt gefragt, ist es wichtiger, ihn präzise zu formulieren als im Detail begründen zu können. Werden Sie um Begründung gebeten, reicht es oft, einen dahinter liegenden Standpunkt zu formulieren. Oder sagen Sie: "In meiner bisherigen Tätigkeit hat sich dieses Herangehen bewährt." Oder: "Ohne diese Haltung hätte ich nicht erreicht, was ich erreicht habe."

Lampenfieber, daß Sie bei einer Frage ins Stottern kommen könnten, ist unnötig, wenn Sie sich zwei alternative Taktiken verinnerlichen:

  • Werden Sie etwas gefragt, wo Sie sich auskennen, spulen Sie Ihre gewohnte, bewährte Antwort ab. Versuchen Sie nicht, ausgerechnet im Interview neue Gedanken zu entwickeln. Das geht meistens schief.
  • Werden Sie etwas gefragt, wo Sie sich nicht auskennen, geben Sie keine Auskünfte, sondern sagen: "Das ist ein spannendes Thema. Aber leider fällt es nicht in mein bisheriges Arbeitsgebiet."

Mit diesen beiden Varianten kommen nicht nur durch jedes Interview, sondern auch durch jede Diplomprüfung.

Haben Sie einen Fehler begangen, gestehen Sie ihn sofort und vollständig ein. Dann gibt es schlimmstenfalls eine kurze Aufregung - und Sie sind das Problem los. Viel schlimmer kommt es, wenn Sie nur einen Teil der Wahrheit eingestehen und nach und nach aufgrund des Nachrecherchierens weitere "Sünden" eingestehen müssen. Der gegenwärtige Korruptionsskandal der CDU beweist, daß erst diese "Häppchen"-Taktik aus einem Mißstand einen Skandal macht. Denn so entsteht eine Folge von Enthüllungen, die das Thema und den Sünder wochenlang zur Spitzenschlagzeile in den Medien macht. Spätestens nach der dritten Teil-Enthüllung in Folge entwickelt sich beim Zuschauer die Überzeugung, es mit einem Sumpf ohne Ende zu tun zu haben. Klüger machte es, wie Viola Falkenberg in Ihrem Buch darstellt, die Umweltorganisation Greenpeace. Sie hatte mit falschen Messungen die Bohrinsel "Brent Spar" in die Schlagzeilen gebracht. Nachdem die falschen Messungen herauskamen, gaben die Umweltaktivisten Ihren Fehler unumwunden zu. Nach wenigen Tagen war die Angelegenheit vergessen.

In "Interviews meistern" von Viola Falkenberg finden Sie auch Informationen zu verschiedenen Interviewsituationen (Fernsehen, Rundfunk, zu Haus, über Telefon) und die Rechtsvorschriften. Worüber darf berichtet werden und welche Art von Enthüllungsjournalismus ist tabu?

Viola Falkenberg: Interviews meistern. Ein Ratgeber für Führungskräfte, Öffentlichekitsarbeiter und Medien-Laien. F.A.Z.-Institut Frankfurt am Main 1999, ISBN 3-927282-80-4, DM 39,90

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