Ob Sie aus beruflichen Gründen mit den Medien zu
tun haben oder nur ihre private Neugier befriedigen wollen und möchten,
daß Ihnen Ihre Mitmenschen mit Vergnügen Rede und Antwort
stehen - die Kenntnis von Interviewtechniken hilft Ihnen, dabei eine
gute Figur zu machen. Sind Sie selbst in der Position des Ausgehorchten,
können Sie mit diesem Wissen die Kontrolle behalten, was Sie von
sich preisgeben und was nicht. Ohne den Eindruck zu erwecken, Sie hätten
etwas Heikles zu verbergen.
In einer Interviewsituation gibt es einen, der fragt
und einen, der gefragt wird - eine Binsenweisheit. Diese Rollenverteilung
legt aber von vornherein ein Machtungleichgewicht fest. Wer gefragt
wird, fühlt sich meist geschmeichelt, weil seine Kompetenz anerkannt
wird. Er darf die meiste Zeit reden, der Fragesteller hört zu.
Oberflächlich gesehen, scheint der Interviewte also die Machtposition
inne zu haben.
In Wahrheit ist es jedoch genau umgekehrt. Wer fragt,
gibt die Richtung des Gesprächs vor. Er entscheidet, worüber
gesprochen wird und worüber nicht. Nicht zu vergessen, daß
allein der Journalist und seine Redakteure entscheiden, ob und in welcher
Form das Interview veröffentlicht wird. Prominente und Politiker
sind sich dieser Macht der Presse durchaus bewußt. Sie versuchen,
mit verschiedenen Mitteln diese Macht zu unterlaufen - indem sie die
Rahmenbedingungen der Interviews festlegen oder während des Gesprächs
die Führung an sich reißen wollen. Beliebt ist folgender
Trick: Gefällt dem Befragten in Frage nicht, sagt er: "Das
ist eine interessante Frage. Aber lassen Sie mich zunächst Folgendes
sagen ..."
Kein Journalist, der sein Handwerk versteht, wird sich
die Führung des Gesprächs auf diese Weise aus der Hand reißen
lassen. Er wird hartnäckig auf seine ursprüngliche Frage zurückkommen.
Wenn das Interview live bei knapper Zeit stattfindet, unterbricht er
sein Gegenüber mit einem ähnlichen Trick: "Das ist sicher
ein spannendes Thema, aber unsere Zuschauer interessiert zunächst,
ob ..." - und lenkt so auf sein urspüngliches Thema zurück.
Wie man sieht, spielt sich hinter der freundlichen Fassade
eines Geplauders ein unterschwelliger Machtkampf ab, der mit den Waffen
der Kommunikation geführt wird. Wer auf diese Signale achtet, erfährt
mehr, als wer nur die ausgesprochenen Inhalte zur Kenntnis nimmt. In
aller Ausführlichkeit stellt die Journalistin und Kommunikationstrainerin
Viola Falkenberg die verschiedenen Aspekte in Ihrem Buch "Interviews
meistern", erschienen in der Schriftenreihe des F:A:Z:-Instituts
Frankfurt am Main, vor. Wir stellen Ihnen einige wichtige Regeln für
Interviewer als auch für Interviewte vor, um sich in diesem Wettstreit
gut zu behaupten.
Regeln für Interviewer:
Geben Sie Ihrem Gegenüber Heimvorteil. Gehen Sie
zum Befragen dorthin, wo der andere sich heimisch fühlt: sein Büro,
seine Wohnung usw. Je sicherer und gelöster er sich fühlt,
desto mehr wird er ausplaudern. Beginnen Sie mit Samlltalk über
das Wetter oder Ihre Anreise. Dann leiten Sie zum eigentlichen Gespräch
über mit "Meine erste Frage wäre ..." oder "Was
ich gern von Ihnen erfahren würde ..."
Stellen Sie möglichst nur offene Fragen. Offen
nennt man Fragen, die im Gegensatz zu Alternativfragen viele verschiedene
Antworten ermöglichen. Dazu gehören die meisten Fragen, die
mit einem Fragewort anfangen. Am besten beginnen Sie mit: "Warum
...?" "Weshalb ...?" "Wodurch ...? "Wie kommt
es, dass ...?" "Was halten Sie von ...?" Darauf erhalten
Sie die ausführlichsten Antworten und müssen sich um den Fortgang
der Unterhaltung keine Sorgen mehr machen. Fragen, die mit "Was
...?" "Wann ...?" "Wer ...?" "Welcher
...?" und "Wo ...?" beginnen, ziehen eher kürzere
Antworten nach sich.
Fragen ohne Fragewort ("geschlossene Fragen")
sind eher zu vermeiden. Wenn Sie fragen: "Sicher fiebern Sie der
morgigen Sitzung mit Spannung entgegen?" hängt es von der
Laune Ihres Gesprächspartners ab, ob er mehr als ein einfaches
"Ja" oder "Nein" für Sie übrig hat. Im
Zweifelsfall formulieren Sie Ihre Frage ohne Fragewort so um, daß
Sie zu einer offenen Frage wird. In unserem Beispiel: "Was erwarten
Sie für sich von der morgigen Sitzung?"
Beginnen Sie mit Fragen zu unstreitigen Fakten: "Wie
lange arbeiten Sie schon daran? Gibt es Veröffentlichungen? Mit
wem arbeiten Sie zusammen? Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?"
Wechseln Sie zwischen Fragen nach Einzelheiten ("Was
war der Auslöser für ...?) und globalen Einschätzungen
("Wie beurteilen Sie die Erfolgsaussichten für ..?")
Während eines gut laufenden Gesprächs verliert
der Partner anfängliches Mißtrauen. Seine Bereitschaft, Auskünfte
zu geben, wächst. Heben Sie sich deswegen brisante, heikle Fragen
bis zum Schluß auf, um so eher werden Sie darauf eine Antwort
erhalten. Der Befragte meint, er habe es im Prinzip schon glücklich
überstanden. Am Ende ist der innere Wächter ermüdet.
Je später eine Frage kommt, desto größer ist die Antwortbereitschaft.
Wird der Befragte härter, aggressiver und kritischer,
lassen Sie sich von der sich verschlechternden Stimmung nicht anstecken!
Im Gegenteil, nicken Sie und reagieren Sie noch freundlicher und verbindlicher
als bisher. Der Befragte fühlt sich von Ihnen angenommen und wird
die Gründe seines Ärgers und damit oft wertvolle Hintergrundinformationen
nennen.
Ist damit zu rechnen, daß der Partner zu einer
bestimmten Frage keine Auskunft geben möchte, stellen Sie eine
willkürliche Behauptung auf: "Uns ist zu Ohren gekommen ..."
Der Gefragte fühlt sich unwillkürlich gereizt, das Falsche
zu berichtigen, und enthüllt so unbeabsichtigt die Wahrheit.
Befragte deuten kritische Fragen leicht als persönlichen
Angriff. Stellen Sie solche Fragen daher immer in sachlichem, freundlichem
und neutralem Ton: "Unsere Zuschauer werden sich vielleicht fragen,
ob sich dahinter nicht die Absicht ... verbirgt."
Sind Sie Journalist, Ihr Interview soll veröffentlicht
werden und der/die Interviewte will eine bestimmte Informationen plazieren
(Eigenwerbung betreiben), so bieten Sie an, darauf zurückzukommen,
wenn er erst eine bestimmte Frage beantwortet. Meist erhöht dieser
Handel die Antwortbereitschaft. In der Veröffentlichung verwerten
Sie nur die für Sie interessante Information, also die Antwort
auf Ihre Frage.
Regeln für Interviewte:
Haben Sie sich bereit erklärt, Auskünfte zu
geben, so versuchen Sie nicht zu missionieren, also Ihr Gegenüber
von Ihrer Lieblingsidee zu überzeugen. Nüchterne Fakten sind
viel überzeugender als eine schwungvoll vorgetragene Rede. Der
Überschwang der Begeisterung erregt leicht Mißtrauen, der
Fragende soll als Handlanger Ihrer Missionsbestrebungen mißbraucht
werden. Professionelle Interviewer sind dagegen abgehärtet. Besonders
Wissenschaftler wollen oft, daß Journalisten an Ihrer Stelle die
Öffentlichkeit agitieren. Diese sehen aber eher ihren Auftrag,
Eliten zu überwachen. Sie haben die Interessen der Leser und Zuschauer
im Auge, nicht die der Auskunftgeber.
Vermeiden Sie schwammige, nichtssagende PR-Aussagen,
mit denen Politiker so gern Zuschauer und Journalisten verärgern.
Eine Aneinanderreihung von "Vielleichts" und "Darauf
kommen wir zu gegebener Zeit zurück" sagt nichts weiter als
"Das geht niemanden etwas an" und wird als das verstanden,
was es im Endeffekt ist: eine Auskunftsverweigerung, weil man etwas
Heikles zu verbergen hat. Einen guten Eindruck machen eindeutige Sachaussagen
und klar formulierte Einschätzungen. Alles Unklare wird vom Frager
interpretiert, in der Regel gegen Sie. Wirkungsvoll sind:
- Typische Fakten.
- Kurze plastische Beispiele,
- eingängige Vergleiche.
- Zahlen, so genau wie möglich. Sie zeugen von
Kompetenz.
Werden Sie nach Ihrem Standpunkt gefragt, ist es wichtiger,
ihn präzise zu formulieren als im Detail begründen zu können.
Werden Sie um Begründung gebeten, reicht es oft, einen dahinter
liegenden Standpunkt zu formulieren. Oder sagen Sie: "In meiner
bisherigen Tätigkeit hat sich dieses Herangehen bewährt."
Oder: "Ohne diese Haltung hätte ich nicht erreicht, was ich
erreicht habe."
Lampenfieber, daß Sie bei einer Frage ins Stottern
kommen könnten, ist unnötig, wenn Sie sich zwei alternative
Taktiken verinnerlichen:
- Werden Sie etwas gefragt, wo Sie sich auskennen,
spulen Sie Ihre gewohnte, bewährte Antwort ab. Versuchen Sie
nicht, ausgerechnet im Interview neue Gedanken zu entwickeln. Das
geht meistens schief.
- Werden Sie etwas gefragt, wo Sie sich nicht auskennen,
geben Sie keine Auskünfte, sondern sagen: "Das ist ein spannendes
Thema. Aber leider fällt es nicht in mein bisheriges Arbeitsgebiet."
Mit diesen beiden Varianten kommen nicht nur durch jedes
Interview, sondern auch durch jede Diplomprüfung.
Haben Sie einen Fehler begangen, gestehen Sie ihn sofort
und vollständig ein. Dann gibt es schlimmstenfalls eine kurze Aufregung
- und Sie sind das Problem los. Viel schlimmer kommt es, wenn Sie nur
einen Teil der Wahrheit eingestehen und nach und nach aufgrund des Nachrecherchierens
weitere "Sünden" eingestehen müssen. Der gegenwärtige
Korruptionsskandal der CDU beweist, daß erst diese "Häppchen"-Taktik
aus einem Mißstand einen Skandal macht. Denn so entsteht eine
Folge von Enthüllungen, die das Thema und den Sünder wochenlang
zur Spitzenschlagzeile in den Medien macht. Spätestens nach der
dritten Teil-Enthüllung in Folge entwickelt sich beim Zuschauer
die Überzeugung, es mit einem Sumpf ohne Ende zu tun zu haben.
Klüger machte es, wie Viola Falkenberg in Ihrem Buch darstellt,
die Umweltorganisation Greenpeace. Sie hatte mit falschen Messungen
die Bohrinsel "Brent Spar" in die Schlagzeilen gebracht. Nachdem
die falschen Messungen herauskamen, gaben die Umweltaktivisten Ihren
Fehler unumwunden zu. Nach wenigen Tagen war die Angelegenheit vergessen.
In "Interviews meistern" von Viola Falkenberg
finden Sie auch Informationen zu verschiedenen Interviewsituationen
(Fernsehen, Rundfunk, zu Haus, über Telefon) und die Rechtsvorschriften.
Worüber darf berichtet werden und welche Art von Enthüllungsjournalismus
ist tabu?
Viola Falkenberg: Interviews meistern. Ein Ratgeber
für Führungskräfte, Öffentlichekitsarbeiter und
Medien-Laien. F.A.Z.-Institut Frankfurt am Main 1999, ISBN 3-927282-80-4,
DM 39,90