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Ausgabe 04/2000
Hilfe - Hund von vorn!
Tips für die unvermutete Begegnung von Mensch und Tier

"Vom Eise befreit sind Strom und Bäche" - schon Goethes Faust freute sich auf den ersten Frühlingsspaziergang. Sich entspannen, mit allen Sinnen die Natur genießen - bis plötzlich ein wütend kläffendes Ungeheuer aus den Büschen bricht und sich zähnefletschend auf den Spaziergänger stürzt.
 
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Erhöhte Steuern für Kampfhunde, Todesbisse oder grauenhafte Verstümmelungen durch plötzlich ausrastende Hunde, deren Halter vor Gericht frei gesprochen werden - zahlreiche Pressemeldungen der letzten Monate machen aus dem ältesten Weggefährten des Menschen eine gefährlich unberechenbare Bestie. Sie nähren die instinktive Angst, die viele von uns vor fremden Hunden haben.

Die meisten Hundehalter kennen ihren Liebling genau und wissen, wann sie ihn angeleint und wann frei laufen lassen können. Und die übergroße Mehrheit lauter Kläffer beißt nie einen Menschen.

Leider gibt es eine Minderheit, die tatsächlich gefährlich ist - entweder weil der Halter sein Tier nicht kennt oder weil er es auf aggressive Attacken hat abrichten lassen. Immerhin kommen in Deutschland jährlich 35 000 Menschen durch Hundebisse zu Schaden. Der Spaziergänger kann nie sicher sein, ob das fremde Tier in Sichtweite zur harmlosen Mehrheit oder zur gefährlichen Minderheit gehört.

Bestimmte Rassen (Pitbull, Mastiff, Mastino, American Staffordshire-Terrier, Neapolitano, Fila Brasileiro und ihre Kreuzungen) werden bei der Erziehung zu Kampfhunden bevorzugt. Die meisten sind stammen von Terriern ab. Der Name Terrier (von französisch terre = Erde) weist darauf hin, daß diese Rasse ursprünglich gezüchtet wurde, um bei der Jagd die Beute bis in unterirdische Baue hinein zu verfolgen und dort tot zu beißen. Moderne Züchter nutzten dieses genetische Erbe aus, um Rassen für Schauwettkämpfe zu produzieren. Diesen Rassen ist eigen, daß sie unvermutet ohne vorheriges aggressives Bellen zuschnappen und sich in ihre Beute verbeißen. Ein Reporter des Deutschlandradio versuchte kürzlich, ein Bellen eines Mastino aufzunehmen. Der Besitzer - der wie viele Hundehalter glaubte, Herr seines Tieres zu sein - befahl seinem Liebling "Gib Laut". Der Reporter hatte Glück. Eine Sekunde später war nur das Mikrophon in dem Maul des Tieres verschwunden. Seine Hand konnte er gerade noch retten. Das Bellen dieser Rasse fehlt bis heute im Tonarchiv des Senders.

Andererseits gibt es kaum eine Rasse, von der überhaupt keine Beißattacken bekannt sind. Auch Schäferhunde weisen eine beachtliche Beißstatistik auf. Alle Faustregeln wie "Bellende Hunde beißen nicht" oder über die besondere Beißlust junger Hunde kennen zu viele Ausnahmen.

Im Zweifelsfalle lohnt es daher, lieber einmal zuviel vorsichtig zu sein. Wie verhalten Sie sich als Fußgänger am besten bei der Begegnung mit einem fremden Vierbeiner?

  • Die meisten Hunde werden Sie nicht beachten, wenn Sie das Tier nicht anschauen, es nicht ansprechen, sondern einfach vorbeilaufen. Auch wenn der Hund auf Sie zuläuft, ohne daß Sie ihn gerufen haben - keine Panik, sondern weitergehen. Meist wird das Tier nur schnüffeln und dann sein Interesse anderen Objekten seiner Umgebung zuwenden.
  • Auf keinen Fall dem Hund in die Augen schauen, ihn berühren oder gar nach ihm treten. Das löst Aggressionen aus.
  • Springt der Hund Sie an, verhalten Sie sich wie ein Hundehalter: Rufen Sie kurz, knapp und laut "Platz" oder "Sitz" und machen mit der Hand eine entsprechende, gebieterische Geste nach unten.
  • Zeigen Sie möglichst keine Anzeichen von Fluchtbereitschaft. Also nicht wegrennen oder andere Anzeichen von Panik.

Nun gibt es Situationen, in denen diese Empfehlungen nicht ohne weiteres zu befolgen sind. Zum Beispiel, wenn Sie einem angriffslustigen Hund als Jogger oder Radfahrer begegnen. Ihre schnelle Bewegung löst bei vielen, insbesondere jungen und nicht ausreichend erzogenen Hunden Jagd- und Spielinstinkte aus. Wenn der Hund Sie verfolgt, hören Sie eventuell noch die ohnmächtigen Stimme von Herrchen oder Frauchen aus der Ferne: "Keine Angst, der beißt nicht." Selbst wenn das wahr ist - ein Hund, der Ihnen beim Fahren zwischen die Speichen oder beim Rennen zwischen die Beine springt, kann gefährliche Stürze verursachen.

  • Wenn Sie mit dem Hund neben sich gefahrlos weiter laufen oder fahren können, wird das Tier von Ihnen ablassen, sobald es den Kontakt zu seinem Halter verloren hat. Dann gewinnt die Suche nach Herrchen oder Frauchen Vorrang vor dem Angriff auf Sie.
  • Ist Ihnen das zu riskant, ändern Sie die Richtung und laufen oder fahren Sie mit dem Sie verfolgenden Hund zu dem Halter, damit er ihn festhält. Falls der Halter uneinsichtig ist, fragen Sie ihn, ob er für die Folgen aufkommen wird, wenn Sie bei einer eventuellen Kollision seinen Hund verletzen. Möglicher Schaden für seinen Liebling bekümmert uneinsichtige Hundehalter eher als Verletzungen, die der Hund Ihnen zufügen könnte.
  • Einige andere Abwehrtricks - etwa sich bücken, nach einem Stein greifen und ihn nach dem angreifenden Hund schleudern - funktionieren nur, wenn der Hund damit schon früher schlechte Erfahrungen gemacht hat.

Oft ist die sichtbare Angst des Spaziergängers ein wichtiger Faktor, wenn ein Hund eine Attacke riskiert. Ursache sind meist schlechte Erfahrungen in der frühen Kindheit. Bei ihren ersten Begegnungen gehen Kinder ohne Angst auf Hunde zu und wollen sie streicheln und mit ihnen spielen. Eltern verwandeln diese unbefangene Neugier in Angst, wenn sie sagen: "Nicht hingehen, der Wauwau beißt." So entsteht ein falsches Bild, da die meisten Hunde nie beißen. Dennoch sollten Kinder nie mit einem Hund allein gelassen werden, da sie mögliche gefährliche Situationen nicht einschätzen und durch plötzliche Panik instinktive Angriffsreaktionen bei sonst harmlosen Hunden auslösen können. Läuft einmal ein Kind vor einem Hund schreiend davon - auf den Arm nehmen und es beruhigen. Auf keinen Fall schimpfen oder verspotten! Lehren Sie es, Hunde nur dann zu streicheln, wenn es von einer Aufsichtsperson dazu aufgefordert wird.

Einige Hundehalter können es sich nicht vorstellen, daß es für andere Menschen unangenehm ist, von einem fremden Hund - ihrem Liebling - angesprungen oder beschnüffelt zu werden, auch wenn er nicht beißt. Im Zweifelsfall sollte der Hund an der Leine bleiben. Für die meisten Hunde ist die Leine keine Einschränkung eines natürlichen Freiheitsstrebens, sondern eine Verbindung zu Herrchen oder Frauchen, die ihm eine Gefühl von Sicherheit vermittelt. Haben Sie als Halter mal Ihren Hund von der Leine gelassen und der greift nun in größerer Entfernung einen Passanten an, geben Sie einmal ein deutliches Rufzeichen und entfernen Sie sich. Sobald Ihr Hund merkt, daß Sie weg sind, wird er von seiner Attacke ablassen und Sie suchen. Viele Hundebesitzer fangen in einer solchen Situation an, aufgeregt viele Male hintereinander nach Ihrem Hund zu rufen - natürlich vergeblich. Das zeigt dem angegriffenen Passanten nur, daß Sie nicht Herr Ihres Tieres sind und verstärkt die Panik noch. Hinterher den Hund zu bestrafen, ist zwecklos. Ein Hund bezieht eine Strafe immer nur auf sein augenblickliches Verhalten, nicht auf Dinge, die er vorher tat. Er würde sich also für das Zurückkommen bestraft fühlen.

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