Moralisch verteufelt, als Weg zur sexuelle Befreiung gefeiert, in Talk Shows zerredet: jedes Zeitalter geht anders mit der Untreue um. Nur eines ändert sich nie daß überall dort, wo Treuegelöbnisse üblich sind, diese in vielen Fällen gebrochen werden. Eine aktuelle Bestandsaufnahme von EgoNet. Die Talkshows sind voll von Dreierbeziehungen, Gruppen-Sex und Swingerklubs. Kaum eine Woche vergeht, in der sich nicht Nymphomaninnen und Sammler von One-night-stands outen. Wird der Seitensprung zum Normalfall, die Treue zum Ausnahmefall? Die Sexualwissenschaftler beobachten in der Gegenwart einen ganz anderen Trend: Männer und Frauen treiben es" immer weniger miteinander. Eine amerikanische Studie erregte großes Aufsehen mit folgenden Zahlen: Dreißig Prozent praktizieren nur eine Art von Verkehr den, für den ein Führerschein erforderlich ist. Ein weiteres Drittel gönnt sich den Spaß miteinander höchstens einmal pro Woche und nur die übrigen 35 Prozent lieben sich zweimal in der Woche oder öfter was in den siebziger Jahren, den glücklichen Jahren vor AIDS und nach der sexuellen Revolution als unterste Grenze des noch Normalen galt. Und es wird weiter abwärts gehen: jede zweite Frau gab an, ohne weiteres auf den Rest-Sex verzichten zu können. Kommt das schlaffe Ende der sexuellen Revolution wie einst ihr Anfang wieder einmal aus Amerika? Weit gefehlt! Als die Studie veröffentlicht wurde, winkten die deutschen Sexperten ab: Längst bekannt! Über die Ursachen streiten sie noch. Zur Auswahl stehen:
Was auch zu letztlich zutreffen mag eins davon, einiges, alles oder etwas ganz anderes von einer ausufernden Freizügigkeit kann keine Rede sein. Immer noch gilt als Treue der höchster Wert. Und immer noch geht etwa die Hälfte aller Verheirateten bzw. fest Gebundenen irgendwann mal fremd. Jeder weiß um den Widerspruch und immer noch brechen Welten zusammen für den, der Affären in seinem Umfeld entdeckt. Man sollte nicht glauben, daß eine außereheliche Affäre noch immer das Vertrauen in die politischen Führungsfähigkeiten eines amerikanischen Präsidenten erschüttern kann, und dennoch durften wir genau das in diesem Sommer in den Medien miterleben. Wenn es eine Veränderung gibt, so betrifft sie die Emanzipation: In den 90er Jahren holen Frauen auf. Man schätzt, daß etwa die Hälfte aller verheirateten Frauen bis zum vierzigsten Lebensjahr mindestens einen Liebhaber hatten. Frauen warten im Mittel vier, Männer fünf Jahre bis zur ersten Affäre. Früher gingen Frauen in erster Linie fremd, weil sie sich in einen anderen verliebten. Heute, um wie die Männer Möglichkeiten ihrer eigenen Sexualität zu ergründen. Häufiger geht von Frauen der erste Schritt zur Affäre aus, und sie erwarten nicht mehr unbedingt, daß der Liebhaber sie heiratet vor allem, wenn er selbst verheiratet ist. Männer gestehen allerdings bereitwilliger ihre Affären; Frauen seltener, praktizieren sie aber häufiger. Denn das Tabu gilt weiter: eine fremdgehende Frau gilt immer noch als verurteilenswerter. Deshalb gilt die alte Rollenverteilung wie bisher: er beichtet, und sie vergibt ihm, schweigt aber über ihre eigene Affäre. Männer fallen aus allen Wolken, wenn sie ihre Frau vernachlässigen und dann erfahren, daß sie nicht klein beigab, sondern eine Affäre einging. Meist bleiben sie blind dafür, daß ihre Frau fremdgehen könnte obwohl sie selbst fröhliche Stunden mit einer Geliebten verbringen. Nicht wenige glauben tatsächlich, Frauen brauchen weniger Abwechslung als sie oder würden eine sich bietenden Gelegenheit nicht wie sie beim Schopf greifen. Fragt man einen betrügenden Mann, ob seine Frau das gleiche tun könnte, ist er meist erst einmal sprachlos. Eins hat sich aber nicht geändert. Affären hinterlassen heikle Probleme, hinter denen der kurze Rausch des Abenteuers bald verschwindet. Denn egal, wie es mit den moralischen Ansichten steht: die Betroffenen müssen lügen und am Ende mit den Lügen Frieden schließen. Denn immer ist jemand mitbetroffen, der kein Mitspracherecht hatte. Beichten hilft nicht aus dem Dilemma. Denn es beweist dem andern, daß der Partner in der Vergangenheit gelogen hatte und vielleicht bald wieder lügen wird. Es gibt daher gute Gründe, den Seitensprung im eigenen Gedächtnis zu verschließen. Dann entfällt die Angst vor Rache und dem Vertrauensverlust. Auch der Wunsch, einen sehr persönlichen Teil seines Lebens gegenüber dem Ehepartner zu bewahren, spielt eine Rolle. Warum werden Menschen untreu? Frank Pittmann, amerikanischer Autor, nennt vier Gründe:
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