"Jeder kann erfolgreich
sein - auch Sie!" Das ist die Botschaft der Erfolgsgurus,
die ihre frohe Botschaft in den Medien verkünden und
eine gläubige Anhängerschar um sich gesammelt
haben. Seit zwei Jahren ist es ruhig geworden um die Apostel
des Sieges. Bodo Schäfer verspricht nicht mehr, Sie
in 7 Jahren zum Millionär zu machen. Denn wenn Sie
seinen Rezepten gefolgt sind, ist Ihr kleines Vermögen
seitdem auf weniger als die Hälfte geschrumpft. In
seinem neuesten Werk erzählt er nur noch, wie Sie bei
Gehaltsverhandlungen 20 Prozent mehr herausschlagen können.
Motivationstrainer Jürgen Höller ist sogar Opfer
eigener Empfehlungen geworden. Er mußte Bankrott anmelden.
Wer der Botschaft "Jeder kann gewinnen" geglaubt
hat, den hat die Wettbewerbsgesellschaft auf den Boden der
Tatsachen zurückgeholt. Konkurrenz heißt immer
noch: Einige Glückliche gelangen an die Spitze und
lassen die Mehrheit als Verlierer hinter sich. Für
die Apostel des Erfolges ist das Scheitern nur eine Zwischenetappe
auf dem Weg nach oben: "Sie haben einen Fehler gemacht,
lernen Sie daraus, und haben Sie in der nächsten Runde
die Nase vorn."
Die Wirklichkeit zeigt etwas anderes: Die meisten ihrer
Leser und Seminarteilnehmer bemühen sich ein Leben
lang und erreichen ihre Ziele nie. Dauerhaftes Scheitern?
Diese Möglichkeit kommt bei den Erfolgstrainern nicht
vor. Inzwischen haben sich einige Verlierer zusammen getan.
Sie gründeten Selbsthilfegruppen, "Klubs der Versager",
schreiben Anleitungen für gelassenes Scheitern - einer
reist sogar mit einer Wanderausstellung durch Deutschland,
in denen er Absagen der Verlage aushängt, die seine
Buchmanuskripte nicht mochten.
EGO-Net hat die fünf wichtigsten Regeln für die
große Mehrheit unter uns zusammengefaßt, die
ihre Traumziele nicht erreichen:
Ursachenforschung: Sie sind weder an Ihrer Faulheit noch
an Ihrem Unvermögen gescheitert. An einem Mißerfolg
haben viele Faktoren Anteil, auf die Sie keinen Einfluß
haben. Ein Beispiel: Robert Schneiders Bestseller "Schlafes
Bruder" wurde in über 20 Sprachen übersetzt
und verfilmt. Aber 29 Verlage hatten das Manuskript abgelehnt.
Erst der Reclam-Verlag in Leipzig ließ sich zu einer
Taschenbuchausgabe überreden. Es ist blanker Zufall,
daß der Lektor in Leipzig nicht ebenfalls Nein sagte.
Sie können sich leicht ausmalen, wie viele Meisterwerke
nie an die Öffentlichkeit kommen, weil es keinen Ausnahmelektor
fand. Einige solche Fälle wurden nachträglich
bekannt. Der Italiener Guido Morselli erschoß sich
1972 im Alter von 60 Jahren. Die Polizei fand ihn tot über
der Mappe von Ablehnungsschreiben, die er im Lauf seines
Lebens gesammelt hatte. Es war ihm nie gelungen, einen seiner
Romane zu veröffentlichen. Erst der spektakuläre
Selbstmord machte Verlage aufmerksam. Seine Bücher
erschienen nach seinem Tode, hatten Erfolg und brachten
seinen Erben ein schönes Vermögen ein.
Gespräche. Erfolge feiern wir mit Freunden und Verwandten,
über Mißerfolge ärgern wir uns im stillen
Kämmerlein. Falsch! Sprechen Sie über Ihre Niederlagen.
Sie werden feststellen, daß Sie nicht allein sind.
Leute, die Ihnen bisher als Beispiel für Zufriedenheit
und gelungenes Leben dienten, werden Ihnen im Gegenzug von
ihren gescheiterten Plänen erzählen. Gespräche
entlasten nicht nur. Sie verhelfen auch zu einem realistischeren
Blick. Wir erkennen: Versagen kommt viel häufiger vor
als sichtbare Erfolge. Nehmen wir wieder das Beispiel Bücher.
Große Verlage erhalten unaufgefordert im Jahr mehrere
tausend Manuskripte zugesandt. Sie veröffentlichen
davon kaum mehr als fünfzig.
Gegen den Strom schwimmen. Für die meisten Erfolgsjäger
ist das Scheitern schon vorprogrammiert. Sie versuchen Ziele
zu erreichen, nach denen die große Mehrheit strebt:
Models, TV-Star, Schauspieler, Sänger ... Wer dort
mitmischen will, wird mit einer Wahrscheinlichkeit von über
99 Prozent scheitern. Selbst wenn Talent und Fleiß
vorhanden sind. Es gibt in diesen Feldern mehr Spitzenbegabungen
als gebraucht werden. Am Ende entscheiden Beziehungen und
der Zufall, wer durch das Nadelöhr gelangt und wer
draußen bleibt. Versuchen Sie daher nie: eine zweite(r)
Madonna, Nadja Auermann oder Tom Cruise zu werden. Suchen
Sie sich ein Feld, das gerade aus der Mode ist. Auf dem
der Andrang gering ist. Dann steigen Ihre Chancen, eine
Position zu erringen, die Ihren Talenten und Ihrem Fleiß
entspricht. Und Sie sind bereits etabliert, wenn sich die
Mode ändert und Ihr Fach auf einmal Aufmerksamkeit
erregt.
Alternativziele. Erfolgstrainer empfehlen alle Kraft nur
auf das eine, große Lebensziel auszurichten. Falsch!
Damit wären Sie auf dem besten Weg, sich zu einem Fachidioten
und Schmalspurcharakter zu entwickeln. Verfolgen Sie vielmehr
unterschiedliche Interessen, die einander ergänzen.
Dadurch sind Sie flexibel und können leicht Ihre Wegrichtung
ändern, wenn Sie mit Ihrem Hauptziel in eine Sackgasse
geraten. Echte Begabungen, die sich länger als einen
Monat an der Spitze halten, haben immer mehrere Talente
im Hintergrund. Sie gehen nicht unter, wenn die Mode wechselt,
sondern verlagern nur ihren Schwerpunkt.
Innere Motivation. Was Sie auch erreichen wollen: Sie werden
scheitern, wenn Ihr Antrieb der Beifall der Öffentlichkeit
ist. Die Erfolgreichen halten durch, weil sie Freude an
ihrem Tun haben. Sie wollen zum Beispiel schauspielern,
weil es ihnen Spaß macht, sich in fremde Charaktere
hineinzuversetzen und ihre Leidenschaften nachzuempfinden.
Nicht, weil ihnen die Menge zujubelt. Das ist für sie
bestenfalls ein erfreulicher Nebeneffekt. Diese Freude am
eigenen Tun bleibt Ihnen, egal ob Sie Anerkennung finden
oder nicht. Lesen Sie aufmerksam Interviews von Erfolgreichen.
Keiner von ihnen kam an die Spitze, weil er Anleitungen
zum Erfolgreichsein gelesen hat. Aber so gut wie jeder,
weil er aus voller Begeisterung handelt und sich nichts
Schöneres vorstellen kann - auch wenn der Erfolg ausbleiben
sollte.
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