Wie oft ist es Ihnen schon passiert, daß Sie gesagt haben Also
schön, ich mache es? Und insgeheim gedacht haben: Wenn ich
nur endlich meine Ruhe habe! Nachgiebige Menschen sind gelten als freundlich
und unkompliziert. Daß sie selbst unglücklich sind über
ihre mangelnde Festigkeit, ahnen die wenigsten, denn nach außen
tragen sie meist ein Lächeln auf den Lippen. Die Autorin Anna Thal
(Nein sagen und siegen, Verlag Gesundheit 1999) hat eine
Reihe typischer Gründe für fehlendes Durchsetzungsvermögen
zusammengetragen:
Sehnsucht nach Anerkennung. Gebraucht
werden, geliebt werden wer möchte das nicht? Wer aber seine
Selbstbestätigung ausschließlich aus den Worten anderer zieht
und in stillen Stunden an seiner Daseinsberechtigung zweifelt, für
den bedeutet jede Kritik eine mittlere Katastrophe. Selbstbewußte
Menschen werden sich dagegen wehren, wenn man ihnen mehr Arbeit aufbürdet
als den Kollegen. Wer dagegen aus dem Gefühl, gebraucht zu werden,
seine Daseinsberechtigung zieht, wird sich heimlich über die Zusatzbelastungen
freuen. Zeigen sie doch, daß er unentbehrlich ist. So entsteht
ein Teufelskreis. Je mehr Arbeit man ihm aufbürdet, desto mehr
muß er schaffen, um nicht an der Überlastung zu scheitern
und damit erst recht die gefürchtete Kritik zu vermeiden. Je mehr
er aber schafft, um so belastbarer erscheint er Chef und Kollegen
mit der Folge, daß ihm noch mehr aufgebürdet wird.
Karrieresucht. Wer in der Hierarchie
ganz nach oben will, tut gut daran, sich die Ziele und Ansichten seiner
Vorgesetzten zu eigen zu machen. Zwar betont der Chef gern in lockerer
Runde, daß ihm Ja-Sager und Konformisten zuwider sind aber
wer die Probe aufs Exempel macht und dem Vorgesetzten in der nächsten
Dienstbesprechung widerspricht, erntet ein ungnädiges Stirnrunzeln
und wird bei der kommenden Beförderungsrunde übergangen. Daher
sind die Chefetagen von Behörden und Konzernen überproportional
mit Leuten besetzt, die konservative Haltungen (Nur nichts verändern!)und
die Kunst des ständigen Abnickens verinnerlicht haben. Neuerungen
kommen eher aus jungen Unternehmen, die von unkonventionellen Quereinsteigern
aufgebaut werden.
Verlustangst. Konflikte bergen eine
Chance und ein Risiko. Die Chance besteht darin, unterschwellig schwärende
Differenzen auf den Tisch zu packen und zu klären. Das Risiko ist
das Zerbrechen einer Freundschaft oder Liebe. Wer seinen Partner oder
seine Arbeitsstelle nicht verlieren will, neigt deshalb dazu, heftige
Worte herunterzuschlucken statt sie auszusprechen. Die Ursache des Konflikts
wird damit natürlich nicht beseitigt. Im Gegenteil: der andere
merkt irgendwann, daß sein Gegenüber seine wahre Meinung
nicht ausspricht, sondern lieber nachgibt. Nicht wenige beginnen diese
Nachgiebigkeit auszunutzen, was den Ja-Sagen zwingt, noch weiter zurückzustecken.
Harmoniebedürfnis. Auch wenn
keine Trennungsgefahr besteht, ist Zustimmung oft angenehmer als Widerspruch.
Wer träumt nicht manchmal von einer Welt voll Harmonie und Verständnis,
in der die Menschen ihre Meinungsverschiedenheiten ohne Zank und Zwietracht
bereinigen? Die täglichen Auseinandersetzungen, die sich um Beruf,
Karriere, Geld, Familie und die vielen Kleinigkeiten des Alltags drehen,
sind oft zermürbend. Da auf diesem Weg die Probleme nicht aus der
Welt geschafft, sondern nur zugedeckt werden, entsteht eine Beziehung,
die äußerlich Harmonie demonstriert, innerlich aber ein resignatives
Nebeneinander zweier einander längst gleichgültig gewordener
Partner darstellt.
Angst vor Gewalt. Medienberichte
und Filme sind voll Darstellungen von Gewalt. Wer täglich die Nachrichten
verfolgt, muß den Eindruck gewinnen, daß Brutalität
und Terror an jeder Straßenecke lauert und der friedlichste Nachbar
sich plötzlich als vergewaltigendes Monster entpuppen kann. Extreme
Auseinandersetzungen sind aufregender und spannender als friedliche
Alltagsgeschichten und dominieren deswegen den Bildschirm. Sie garantieren
hohe Einschaltquoten. Wer jedoch das Fernsehen als repräsentativ
für das reale Leben nimmt, sieht sich dem heutigen Alltag oft hilflos
gegenüber. Die Lösungsvarianten, die die meisten Filme anbieten
(im letzten Moment erscheint der rettende Held), bieten keine vernünftige
Lebenshilfe für den Fall, daß man oder frau sich tatsächlich
mal gegen eine Attacke wehren muß.
Die Kunst sich durchzusetzen, erfordert
den Wandel von einer Opferhaltung zu mehr Selbstvertrauen.
Erforderlich sind:
Selbst-Liebe. Welche positiven Eigenschaften
haben Sie? Berücksichtigen Sie, daß manche Ihrer Qualitäten
nicht unbedingt anderen sofort auffallen muß. Machen Sie eine
Liste und lesen Sie sich diese täglich laut vor besonders
dann, wenn man Sie kritisiert, mißachtet oder ungerecht behandelt
hat.
Selbstbewußtes Auftreten. Das
beginnt mit der Körpersprache: Aufrechte Haltung, feste Stimme,
Blickkontakt. Selbstbewußtes Auftreten schreckt über 80 potentieller
Gewalttäter ab.
Klares Aussprechen eigener Ansprüche.
Wer Konflikte nicht scheut, wird sich zunächst möglicherweise
mit dem einen oder anderen Bekannten Ärger einhandeln. Langfristig
gesehen, wächst aber der Respekt, den die anderen uns erweisen.
Wer Profil zeigt, gilt als Persönlichkeit.
Konstruktives Streiten. Ob Meinungsverschiedenheiten
Beziehungen festigen oder zerstören, hängt von der Art und
Weise des Streitens ab. Dafür gibt es Streitregeln, wie: Nach Lösungen
suchen statt zu diskutieren, wer recht hatte. Ich-Aussagen machen (lieber
Ich möchte, daß ... statt Man sollte ...).
Fragen stellen nach den Gründen für das Verhalten des andern
statt endlos zu argumentieren.
Literaturtipps: Anna Thal: Nein sagen und
siegen. Die Kunst, sich richtig zu entscheiden. Verlag Gesundheit Berlin
1999, DM 24,90
Frank Naumann: Miteinander streiten. Die
Kunst der fairen Auseinandersetzung. Rowohlt Taschenbuch 1995. DM 12,90