EGO-NET.de
Ausgabe 07/2000
Sagen Sie nicht Ja, wenn Sie Nein meinen
Der Schlüssel zu mehr Durchsetzungsvermögen

Es allen recht machen, ist unmöglich. Eine altbekannte Einsicht, der die meisten von uns dennoch Tag für Tag zuwider handeln. Der Wunsch, beliebt und anerkannt zu sein, verleitet uns zu faulen Kompromissen und vorschnellem Nachgeben, wo ein entschlossenes „Bis hierher und nicht weiter“ angebracht gewesen wäre.

 
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Wie oft ist es Ihnen schon passiert, daß Sie gesagt haben „Also schön, ich mache es“? Und insgeheim gedacht haben: Wenn ich nur endlich meine Ruhe habe! Nachgiebige Menschen sind gelten als freundlich und unkompliziert. Daß sie selbst unglücklich sind über ihre mangelnde Festigkeit, ahnen die wenigsten, denn nach außen tragen sie meist ein Lächeln auf den Lippen. Die Autorin Anna Thal („Nein sagen und siegen“, Verlag Gesundheit 1999) hat eine Reihe typischer Gründe für fehlendes Durchsetzungsvermögen zusammengetragen:


Sehnsucht nach Anerkennung. Gebraucht werden, geliebt werden – wer möchte das nicht? Wer aber seine Selbstbestätigung ausschließlich aus den Worten anderer zieht und in stillen Stunden an seiner Daseinsberechtigung zweifelt, für den bedeutet jede Kritik eine mittlere Katastrophe. Selbstbewußte Menschen werden sich dagegen wehren, wenn man ihnen mehr Arbeit aufbürdet als den Kollegen. Wer dagegen aus dem Gefühl, gebraucht zu werden, seine Daseinsberechtigung zieht, wird sich heimlich über die Zusatzbelastungen freuen. Zeigen sie doch, daß er unentbehrlich ist. So entsteht ein Teufelskreis. Je mehr Arbeit man ihm aufbürdet, desto mehr muß er schaffen, um nicht an der Überlastung zu scheitern und damit erst recht die gefürchtete Kritik zu vermeiden. Je mehr er aber schafft, um so belastbarer erscheint er Chef und Kollegen – mit der Folge, daß ihm noch mehr aufgebürdet wird.


Karrieresucht. Wer in der Hierarchie ganz nach oben will, tut gut daran, sich die Ziele und Ansichten seiner Vorgesetzten zu eigen zu machen. Zwar betont der Chef gern in lockerer Runde, daß ihm Ja-Sager und Konformisten zuwider sind – aber wer die Probe aufs Exempel macht und dem Vorgesetzten in der nächsten Dienstbesprechung widerspricht, erntet ein ungnädiges Stirnrunzeln und wird bei der kommenden Beförderungsrunde übergangen. Daher sind die Chefetagen von Behörden und Konzernen überproportional mit Leuten besetzt, die konservative Haltungen („Nur nichts verändern!“)und die Kunst des ständigen Abnickens verinnerlicht haben. Neuerungen kommen eher aus jungen Unternehmen, die von unkonventionellen Quereinsteigern aufgebaut werden.


Verlustangst. Konflikte bergen eine Chance und ein Risiko. Die Chance besteht darin, unterschwellig schwärende Differenzen auf den Tisch zu packen und zu klären. Das Risiko ist das Zerbrechen einer Freundschaft oder Liebe. Wer seinen Partner oder seine Arbeitsstelle nicht verlieren will, neigt deshalb dazu, heftige Worte herunterzuschlucken statt sie auszusprechen. Die Ursache des Konflikts wird damit natürlich nicht beseitigt. Im Gegenteil: der andere merkt irgendwann, daß sein Gegenüber seine wahre Meinung nicht ausspricht, sondern lieber nachgibt. Nicht wenige beginnen diese Nachgiebigkeit auszunutzen, was den Ja-Sagen zwingt, noch weiter zurückzustecken.


Harmoniebedürfnis. Auch wenn keine Trennungsgefahr besteht, ist Zustimmung oft angenehmer als Widerspruch. Wer träumt nicht manchmal von einer Welt voll Harmonie und Verständnis, in der die Menschen ihre Meinungsverschiedenheiten ohne Zank und Zwietracht bereinigen? Die täglichen Auseinandersetzungen, die sich um Beruf, Karriere, Geld, Familie und die vielen Kleinigkeiten des Alltags drehen, sind oft zermürbend. Da auf diesem Weg die Probleme nicht aus der Welt geschafft, sondern nur zugedeckt werden, entsteht eine Beziehung, die äußerlich Harmonie demonstriert, innerlich aber ein resignatives Nebeneinander zweier einander längst gleichgültig gewordener Partner darstellt.


Angst vor Gewalt. Medienberichte und Filme sind voll Darstellungen von Gewalt. Wer täglich die Nachrichten verfolgt, muß den Eindruck gewinnen, daß Brutalität und Terror an jeder Straßenecke lauert und der friedlichste Nachbar sich plötzlich als vergewaltigendes Monster entpuppen kann. Extreme Auseinandersetzungen sind aufregender und spannender als friedliche Alltagsgeschichten und dominieren deswegen den Bildschirm. Sie garantieren hohe Einschaltquoten. Wer jedoch das Fernsehen als repräsentativ für das reale Leben nimmt, sieht sich dem heutigen Alltag oft hilflos gegenüber. Die Lösungsvarianten, die die meisten Filme anbieten (im letzten Moment erscheint der rettende Held), bieten keine vernünftige Lebenshilfe für den Fall, daß man oder frau sich tatsächlich mal gegen eine Attacke wehren muß.


Die Kunst sich durchzusetzen, erfordert den Wandel von einer Opferhaltung zu mehr Selbstvertrauen.

Erforderlich sind:

Selbst-Liebe. Welche positiven Eigenschaften haben Sie? Berücksichtigen Sie, daß manche Ihrer Qualitäten nicht unbedingt anderen sofort auffallen muß. Machen Sie eine Liste und lesen Sie sich diese täglich laut vor – besonders dann, wenn man Sie kritisiert, mißachtet oder ungerecht behandelt hat.

Selbstbewußtes Auftreten. Das beginnt mit der Körpersprache: Aufrechte Haltung, feste Stimme, Blickkontakt. Selbstbewußtes Auftreten schreckt über 80 potentieller Gewalttäter ab.

Klares Aussprechen eigener Ansprüche. Wer Konflikte nicht scheut, wird sich zunächst möglicherweise mit dem einen oder anderen Bekannten Ärger einhandeln. Langfristig gesehen, wächst aber der Respekt, den die anderen uns erweisen. Wer Profil zeigt, gilt als Persönlichkeit.

Konstruktives Streiten. Ob Meinungsverschiedenheiten Beziehungen festigen oder zerstören, hängt von der Art und Weise des Streitens ab. Dafür gibt es Streitregeln, wie: Nach Lösungen suchen statt zu diskutieren, wer recht hatte. Ich-Aussagen machen (lieber „Ich möchte, daß ...“ statt „Man sollte ...“). Fragen stellen nach den Gründen für das Verhalten des andern statt endlos zu argumentieren.


Literaturtipps: Anna Thal: Nein sagen und siegen. Die Kunst, sich richtig zu entscheiden. Verlag Gesundheit Berlin 1999, DM 24,90

Frank Naumann: Miteinander streiten. Die Kunst der fairen Auseinandersetzung. Rowohlt Taschenbuch 1995. DM 12,90


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