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Kaum eine Frauen- oder
Fitnesszeitschrift, die nicht Ausgabe für
Ausgabe neue, angeblich immer sensationellere
Abnehmkuren anpreist. Ein deutlicher Hinweis, das
alle Diäten der vorigen Ausgaben bei den
Leserinnen und Lesern nicht den versprochenen
Erfolg erzielten. Den Programmen der aktuellen
Ausgabe, das kann jeder von vornherein sagen,
wird es nicht besser ergehen.
- Man könnte dies als ein
Ritual, als offenbar notwendigen
Werbeaufwand der Herausgeber akzeptieren
und schulterzuckend zur Tagesordnung
übergehen, wenn nicht der
Schlankheitswahn auf eine Minderheit
lebensgefährliche Auswirkungen hätte
indem er in sein Gegenteil
umschlägt. Wenn Selbstzweifel einer
ungefestigten Persönlichkeit mit dem
Medienideal dürrer Modelkörper
zusammentreffen, kommt leicht ein
tödlicher Teufelskreis in Gang, der kaum
noch zu stoppen ist, wenn er sich erst
einmal verselbständigt hat.
- Am Anfang steht wie bei
vielen Persönlichkeitsstörungen eine
Erziehung, die einem Kind nur dann
Anerkennung zukommen läßt, wenn es
bestimmte Leistungsideale erfüllt. In
den letzten Jahren betreffen diese Ideale
immer mehr das Aussehen. Rund die Hälfte
aller Mädchen träumt schon im
Kindesalter von einer Modelkarriere.
Schlankheit ist eines der wichtigsten
Auswahlkriterien. Da das Körpergewicht
nicht nur naturgegeben ist wie etwa eine
große Nase oder die Körpergröße,
sondern durch das Eßverhalten
beeinflußt werden kann, weitet sich
elterliche Leistungsdruck auf diese
Gebiet aus mit unheilvollen Ergebnissen.
- Um schlank zu sein scheint
nichts weiter erforderlich zu sein als
Disziplin. Wenn nun disziplinierter
Verzicht das erwartete Ergebnis bringt
Gewichtsverlust loben wir
uns im Stillen selbst. Dieses Selbstlob
verstärkt das Verhalten, das die Ursache
des Erfolges wurde in diesem Fall
der Nahrungsverzicht.
- Dadurch wird der
biologische Mechanismus umgekehrt. Im
Normalfall wirkt Nahrung belohnend. Wenn
wir zum Beispiel Schokolade essen, werden
Glückshormone freigesetzt. Jetzt aber
geschieht etwas Erstaunliches. Der Erfolg
des Nahrungsverzichts wirkt ebenfalls
belohnend, setzt ebenfalls Glückshormone
frei. Bei den meisten von uns wirkt
freilich die Schokolade stärker. Appetit
und Hunger setzen sich gegenüber der
Vernunft durch.
- Bei einem Mädchen mit
einer starken Motivation für Schlankheit
kann das Gegenteil eintreten.
Insbesondere dann, wenn sie wegen ihrer
Schlankheit gelobt und zum ersten Mal
deutliche Anerkennung erfährt. Wenn sich
das nächste Mal das Hungergefühl
meldet, denkt sie nicht mehr: Ich
muß was essen. Sondern: Ich
schaffe es, ich kann der Versuchung
widerstehen!
- Dieser Erfolg wird mit
innere Begeisterung registriert. Und
dieses Gefühl der Begeisterung an sich
selbst ist so toll, daß keine Entbehrung
zu groß ist, um es noch einmal zu
erleben. Um es zu steigern. Nach dem
fünften, sechsten Mal reicht allein das
Hungergefühl aus, um die Begeisterung,
den Erfolg wieder zu empfinden.
- Nach einiger Zeit meldet
sich eventuell die Vernunft und sagt:
Ich habe schon Untergewicht. Jetzt
ist es genug. Doch der Versuch,
wieder normal zu essen, scheitert. Die
Nahrung löst Abneigung, ja sogar Ekel
aus. Die Selbstbestätigung durch das
gelungene Abnehmen ist längst im
Unterbewußtsein verankert.
Glückshormone erzeugt der Körper nur
noch beim Nichtessen.
- Von einem bestimmten
Moment an, kreisen alle Gedanken nur noch
um Nahrung und ihre Vermeidung. Alles
übrige wird zweitrangig. Manche
reduzieren nicht nur ihre Nahrung,
sondern treiben auch bis zur Erschöpfung
kalorienzehrende Sportarten (Radfahren,
Langstreckenlauf). Sie treiben Mißbrauch
mit Abführmitteln und appetithemmenden
Tabletten. Auch wenn sie nicht leugnen
können, daß sie bereits knochendürr
sind für ihr Gefühl ist an ihrem
Körper immer noch überflüssiges Fett.
- Die Pubertät fördert den
Hang zur Magersucht. Der Übergang vom
Kind zur Frau bringt Gewichtszunahme und
Körperrundungen hervor. Der Versuch,
durch Hungern den Kinderkörper zu
bewahren, kann vorübergehend von Erfolg
gekrönt sein. Da bei starker
Unterernährung auch die monatliche Regel
ausbleibt, scheint das Aufhalten der
Entwicklung zu gelingen. Das
Nicht-Frau-werden-wollen ist manchmal
auch ein passiver Widerstand gegen die
Pläne der Eltern, die sie für den
weiteren Lebensweg ihrer Tochter
entworfen haben.
- Nur bei etwa einem Drittel
verschwindet die Magersucht während der
Pubertät von allein. Zehn Prozent der
Magersüchtigen hungern sich zu Tode.
Die übrigen haben ihr Leben lang
Eßprobleme.
- Bei der Bulimie wechseln
Hungerperioden mit plötzlichen Anfällen
von Freßsucht ab. Nach einer längeren
Zeit der Magersucht und
erfolgreichem Schlankhungern
stopfen sie plötzlich Unmengen von
Nahrung in sich hinein und zwar
bis zum Erbrechen. Die betroffenen
Mädchen und Frauen halten ihre Eßorgien
und das anschließende Erbrechen geheim.
Während Magersüchtige dürr sind, aber
leugnen, krank zu sein, wissen
Bulimiekranke um ihre Störung, obwohl
sie meistens kein Untergewicht haben.
Durch ihren Heißhunger halten sie
wenn auch anfallartig ihre
notwendige Kalorienversorgung aufrecht.
Daß es ihnen nicht gelingt, ihre
Schlankheitsbemühungen durchzuhalten,
demütigt ihr Selbstwertgefühl.
- Angehörige von
Bulimiegestörten erkennen die Krankheit
daran, daß periodisch Kühlschrank und
Speisekammern von allen Vorräten
entleert sind. Was können Angehörige
tun?
- 1. Niemals zum Essen
nötigen! Je mehr Druck ausgeübt wird
sei es in Form
vernünftiger Argumente,
besorgter Gesichter oder per Befehl
(Du bleibst jetzt solange sitzen,
bis du alles aufgegessen hast!)
desto größer werden der
Widerstand und der Ekel vor dem Essen.
Zuallererst muß der Anspruch des
Betroffenen akzeptiert werden, über sein
Eßverhalten selbst zu entscheiden, auch
dann, wenn es ungesund ist.
- 2. Führen Sie Gespräche,
die sich mit den Vorstellungen der
Betroffenen von ihrem eigenen Körper und
ihrem Selbstwertgefühl befassen. Sagen
Sie zum Beispiel:
- Du bist mit deinem
Aussehen unzufrieden. Was stört dich am
meisten?
- Du bist stolz auf dich,
wenn es dir gelungen ist, wieder ein Kilo
abzunehmen.
- Ich habe den Eindruck, du
möchtest gern noch schlanker sein als
Kate Moss.
- Hören Sie sich die Antworten gut an. Sie
erfahren, wie die Betroffene sich sieht und wie sie sein möchte.
Achten Sie vor allem darauf, welche Erfolgserlebnisse ihr
fehlen. Wenn jemand im Dünnerwerden seinen wichtigsten Lebenserfolg
sieht, fehlt es an motivierenden Ereignissen in seiner Umwelt.
Aber sagen Sie nicht, wie Sie selbst das Hungern interpretieren.
Die Betroffene muß von sich aus erkennen, welche seelischen
Defizite sie mit ihrer Magersucht auszugleichen versucht.
- 3. Wenn Sie nach etwa fünf Gesprächen spüren,
daß sich bei der Betroffenen nichts ändert, müssen Sie überlegen,
ob professionelle Hilfe notwendig ist. Bulimiekranke, die
unter ihrer Störung leiden, verfügen meist über die nötige
Einsicht, daß sie allein nicht zurechtkommen. Sobald einige
Freunde und Bekannte ihre Heißhunger- und Brechanfälle mitbekommen
haben, sind sie bereit, einen Therapeuten aufzusuchen. Schwieriger
wird es bei Magersüchtigen. Sie behaupten in der Regel, sich
nur deshalb nicht wohl zu fühlen, weil sie noch zu dick sind
- selbst wenn schon alle Rippen, Becken- und Schulterknochen
deutlich hervortreten. Erst bei extremem Untergewicht werden
sie in eine Klinik eingewiesen und künstlich ernährt, bis
die unmittelbare Gefahr des Verhungerns behoben ist. Zugleich
wird eine Psychotherapie begonnen.
- Besser ist es, einen Therapeuten hinzuzuziehen,
bevor Lebensgefahr besteht. Wenn die Magersüchtige keine
Einsicht hat, sind die Erfolgsaussichten einer Therapie allerdings
nicht sehr hoch. Es besteht jedoch die Möglichkeit, sich an
eine Selbsthilfegruppen für Frauen mit Eßstörungen zu wenden,
die es mittlerweile in fast jeder Stadt gibt. Außerdem existieren
in Deutschland mehrere Spezialkliniken für Eßstörungen. Dort
können Sie sich Rat holen.
- Mehr über Bulimie lesen Sie in einem neueren Ego-net.de
Artikel
Literatur:
Dr. Frank Naumann: Erste Hilfe für
die Seele
Beistand in Notsituationen, Lebenskrisen und Konflikten
Verlag Gesundheit, Berlin 1996, ISBN: 3333007592, DM 29,90
Zu bestellen hier
Prof. Dr. med. Gisela Ehle: Ich finde nicht mein Maß.
Magersüchtig, eßsüchtig, eßbrechsüchtig?
Verlag Gesundheit Berlin (MEDICUS-Reihe), DM 19,80.
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