Erhöhte Steuern für Kampfhunde, Todesbisse
oder grauenhafte Verstümmelungen durch plötzlich ausrastende
Hunde, deren Halter vor Gericht frei gesprochen werden - zahlreiche
Pressemeldungen der letzten Monate machen aus dem ältesten Weggefährten
des Menschen eine gefährlich unberechenbare Bestie. Sie nähren
die instinktive Angst, die viele von uns vor fremden Hunden haben.
Die meisten Hundehalter kennen ihren Liebling genau
und wissen, wann sie ihn angeleint und wann frei laufen lassen können.
Und die übergroße Mehrheit lauter Kläffer beißt
nie einen Menschen.
Leider gibt es eine Minderheit, die tatsächlich
gefährlich ist - entweder weil der Halter sein Tier nicht kennt
oder weil er es auf aggressive Attacken hat abrichten lassen. Immerhin
kommen in Deutschland jährlich 35 000 Menschen durch Hundebisse
zu Schaden. Der Spaziergänger kann nie sicher sein, ob das fremde
Tier in Sichtweite zur harmlosen Mehrheit oder zur gefährlichen
Minderheit gehört.
Bestimmte Rassen (Pitbull, Mastiff, Mastino, American
Staffordshire-Terrier, Neapolitano, Fila Brasileiro und ihre Kreuzungen)
werden bei der Erziehung zu Kampfhunden bevorzugt. Die meisten sind
stammen von Terriern ab. Der Name Terrier (von französisch terre
= Erde) weist darauf hin, daß diese Rasse ursprünglich gezüchtet
wurde, um bei der Jagd die Beute bis in unterirdische Baue hinein zu
verfolgen und dort tot zu beißen. Moderne Züchter nutzten
dieses genetische Erbe aus, um Rassen für Schauwettkämpfe
zu produzieren. Diesen Rassen ist eigen, daß sie unvermutet ohne
vorheriges aggressives Bellen zuschnappen und sich in ihre Beute verbeißen.
Ein Reporter des Deutschlandradio versuchte kürzlich, ein Bellen
eines Mastino aufzunehmen. Der Besitzer - der wie viele Hundehalter
glaubte, Herr seines Tieres zu sein - befahl seinem Liebling "Gib
Laut". Der Reporter hatte Glück. Eine Sekunde später
war nur das Mikrophon in dem Maul des Tieres verschwunden. Seine Hand
konnte er gerade noch retten. Das Bellen dieser Rasse fehlt bis heute
im Tonarchiv des Senders.
Andererseits gibt es kaum eine Rasse, von der überhaupt
keine Beißattacken bekannt sind. Auch Schäferhunde weisen
eine beachtliche Beißstatistik auf. Alle Faustregeln wie "Bellende
Hunde beißen nicht" oder über die besondere Beißlust
junger Hunde kennen zu viele Ausnahmen.
Im Zweifelsfalle lohnt es daher, lieber einmal zuviel
vorsichtig zu sein. Wie verhalten Sie sich als Fußgänger
am besten bei der Begegnung mit einem fremden Vierbeiner?
- Die meisten Hunde werden Sie nicht beachten, wenn
Sie das Tier nicht anschauen, es nicht ansprechen, sondern einfach
vorbeilaufen. Auch wenn der Hund auf Sie zuläuft, ohne daß
Sie ihn gerufen haben - keine Panik, sondern weitergehen. Meist wird
das Tier nur schnüffeln und dann sein Interesse anderen Objekten
seiner Umgebung zuwenden.
- Auf keinen Fall dem Hund in die Augen schauen, ihn
berühren oder gar nach ihm treten. Das löst Aggressionen
aus.
- Springt der Hund Sie an, verhalten Sie sich wie ein
Hundehalter: Rufen Sie kurz, knapp und laut "Platz" oder
"Sitz" und machen mit der Hand eine entsprechende, gebieterische
Geste nach unten.
- Zeigen Sie möglichst keine Anzeichen von Fluchtbereitschaft.
Also nicht wegrennen oder andere Anzeichen von Panik.
Nun gibt es Situationen, in denen diese Empfehlungen
nicht ohne weiteres zu befolgen sind. Zum Beispiel, wenn Sie einem angriffslustigen
Hund als Jogger oder Radfahrer begegnen. Ihre schnelle Bewegung löst
bei vielen, insbesondere jungen und nicht ausreichend erzogenen Hunden
Jagd- und Spielinstinkte aus. Wenn der Hund Sie verfolgt, hören
Sie eventuell noch die ohnmächtigen Stimme von Herrchen oder Frauchen
aus der Ferne: "Keine Angst, der beißt nicht." Selbst
wenn das wahr ist - ein Hund, der Ihnen beim Fahren zwischen die Speichen
oder beim Rennen zwischen die Beine springt, kann gefährliche Stürze
verursachen.
- Wenn Sie mit dem Hund neben sich gefahrlos weiter
laufen oder fahren können, wird das Tier von Ihnen ablassen,
sobald es den Kontakt zu seinem Halter verloren hat. Dann gewinnt
die Suche nach Herrchen oder Frauchen Vorrang vor dem Angriff auf
Sie.
- Ist Ihnen das zu riskant, ändern Sie die Richtung
und laufen oder fahren Sie mit dem Sie verfolgenden Hund zu dem Halter,
damit er ihn festhält. Falls der Halter uneinsichtig ist, fragen
Sie ihn, ob er für die Folgen aufkommen wird, wenn Sie bei einer
eventuellen Kollision seinen Hund verletzen. Möglicher Schaden
für seinen Liebling bekümmert uneinsichtige Hundehalter
eher als Verletzungen, die der Hund Ihnen zufügen könnte.
- Einige andere Abwehrtricks - etwa sich bücken,
nach einem Stein greifen und ihn nach dem angreifenden Hund schleudern
- funktionieren nur, wenn der Hund damit schon früher schlechte
Erfahrungen gemacht hat.
Oft ist die sichtbare Angst des Spaziergängers
ein wichtiger Faktor, wenn ein Hund eine Attacke riskiert. Ursache sind
meist schlechte Erfahrungen in der frühen Kindheit. Bei ihren ersten
Begegnungen gehen Kinder ohne Angst auf Hunde zu und wollen sie streicheln
und mit ihnen spielen. Eltern verwandeln diese unbefangene Neugier in
Angst, wenn sie sagen: "Nicht hingehen, der Wauwau beißt."
So entsteht ein falsches Bild, da die meisten Hunde nie beißen.
Dennoch sollten Kinder nie mit einem Hund allein gelassen werden, da
sie mögliche gefährliche Situationen nicht einschätzen
und durch plötzliche Panik instinktive Angriffsreaktionen bei sonst
harmlosen Hunden auslösen können. Läuft einmal ein Kind
vor einem Hund schreiend davon - auf den Arm nehmen und es beruhigen.
Auf keinen Fall schimpfen oder verspotten! Lehren Sie es, Hunde nur
dann zu streicheln, wenn es von einer Aufsichtsperson dazu aufgefordert
wird.
Einige Hundehalter können es sich nicht vorstellen,
daß es für andere Menschen unangenehm ist, von einem fremden
Hund - ihrem Liebling - angesprungen oder beschnüffelt zu werden,
auch wenn er nicht beißt. Im Zweifelsfall sollte der Hund an der
Leine bleiben. Für die meisten Hunde ist die Leine keine Einschränkung
eines natürlichen Freiheitsstrebens, sondern eine Verbindung zu
Herrchen oder Frauchen, die ihm eine Gefühl von Sicherheit vermittelt.
Haben Sie als Halter mal Ihren Hund von der Leine gelassen und der greift
nun in größerer Entfernung einen Passanten an, geben Sie
einmal ein deutliches Rufzeichen und entfernen Sie sich. Sobald Ihr
Hund merkt, daß Sie weg sind, wird er von seiner Attacke ablassen
und Sie suchen. Viele Hundebesitzer fangen in einer solchen Situation
an, aufgeregt viele Male hintereinander nach Ihrem Hund zu rufen - natürlich
vergeblich. Das zeigt dem angegriffenen Passanten nur, daß Sie
nicht Herr Ihres Tieres sind und verstärkt die Panik noch. Hinterher
den Hund zu bestrafen, ist zwecklos. Ein Hund bezieht eine Strafe immer
nur auf sein augenblickliches Verhalten, nicht auf Dinge, die er vorher
tat. Er würde sich also für das Zurückkommen bestraft
fühlen.