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EGONET.de
Ausgabe 03/1999
Liebe auf den zweiten Blick
Wie aus guten Bekannten die große Liebe wird
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Nur wenige Sekunden gesehen und schon gewußt: das ist der Partner
fürs Leben? Was in romantischen Filmen die Herzen höher schlagen
läßt, ist im Alltag meist zum Scheitern verurteilt. Die Fachleute
haben längst nachgewiesen: Viel größere Chancen hat die Liebe,
die langsam zwischen vertrauten Bekannten entsteht.
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Eine Studie der Universität Bochum wies nach: Beziehungen, die aus der
Vertrautheit einer längeren Freundschaft erwachsen, sind
überdurchschnittlich stabil. Sie zeichnen sich durch harmonisches
Miteinander, Verläßlichkeit und die Fähigkeit aus, Streitigkeiten
konstruktiv zu lösen. Partner, die sich bereits gut kennen, erleben
seltener ein böses Erwachen, als solche, die sich Hals über Kopf
in ein Miteinander stürzen. Denn sie wissen ziemlich genau, auf wen
sie sich einlassen. Stärken und Schwächen des andern sind bekannt,
man weiß, ob er/sie liiert oder noch zu haben ist und die Schwierigkeit,
mit Fremden in Kontakt treten zu müssen, entfällt.
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Können aus vertrauten Freunden überhaupt Liebende werden? Fehlt
da nicht das Prickelnde, das Geheimnisvolle, das die Faszination eines/r
Unbekannten ausmacht? Bleibt nicht die Leidenschaft auf der Strecke, wenn
man sich plötzlich einer Person nähert, die man schon als Kind
im Sandkasten beobachtet hat oder als gestreßte(n) Mitarbeiter(in)
an der Kopiermaschine?
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Um das erotische Potential platonischen Bekanntschaften zu entdecken, ist
es in der Tat erforderlich, sich von eingefahrenen Erfahrungsmustern zu
lösen. Wir tragen ein Bild vom Traum-Partner in uns, das völlig
anders aussieht als unsere guten Freunde. Es ist geformt von Roman- und
Filmhelden sowie einigen Wertevorstellungen, die wie im Elternhaus erwarben.
Dadurch entsteht eine Anspruchshaltung, die dazu führt, daß wir
den/die Richtige(n) in unserer unmittelbaren Umgebung übersehen.
Schubladendenken ist eine Hauptursache für verfehlte Partnerwahl.
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Daß sich der Blick in die vertraute Umgebung lohnt, beweisen die
Statistiken der Soziologen. Sechzig Prozent aller Ehepaare lernten sich bei
der Arbeit kennen, als Kollegen, Kunden oder Geschäftspartner. Weitere
zwanzig Prozent fanden sich im Freundes- oder Bekanntenkreis. Nur jedes
fünfte Paar entstand aus Urlaubs-, Disko- oder Zufallsbekanntschaften.
Trotz neuer Kontaktformen wie Internet und Single-Parties haben sich diese
Zahlen in den letzten Jahrzehnten kaum verändert.
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Viele Paare, die sich als Liebende auf den zweiten Blick fanden, entdeckten
einander erst, als sie mit einer Affäre mit einem/r Fremden auf die
Nase gefallen waren. Jutta, 27, stürzte sich, als sie aus einer Kleinstadt
nach Berlin zog, in eine wilde Liebesgeschichte mit ihrem Reitlehrer. Er
war groß und dunkel und entsprach damit ihrem inneren Raster. Als er
sie bald mit anderen Reiterinnen betrog, fiel sie in ein tiefes Loch, aus
dem sie ihr Kollege Ralf nach und nach wieder herauszog. Zunächst kam
Ralf für sie überhaupt nicht in Betracht, denn er war nicht nur
ein Jahr jünger als sie, sondern außerdem ziemlich schüchtern,
unauffällig, rotblond und nicht sehr groß. Aber er war für
sie da, wenn sie in ihrer Probezeit in der Firma bei komplizierten
Aufträgen nicht weiterkam. Er erklärte ihr das neue
Tabellenkalkulationsprogramm und lobte sie gegenüber den Kollegen. Aus
Dankbarkeit wurde Zuneigung, als er sie ein paar Mal im Anschluß an
anstrengende Bürostunden zu einem Glas Wein einlud.
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Eine ähnliche Situation schildert der amerikanische Film Küssen
verboten (Originaltitel: I Love You Dont Touch Me) der
erst 27jährigen Regisseurin Julia Davis: Katie ist 25 und immer noch
Jungfrau. Sie wartet auf den Traumrpinzen und pflegt derweil mit ihrem
langjährigen Freund Ben ein platonisches Verhältnis. Eines Tages
trifft Katie den Komponisten Richard Webber und schenkt ihm ihre Unschuld.
Doch bald betrügt er sie mit anderen, während Ben, des Wartens
müde, ein rein sexuelles Verhältnis mit Katies bester Freundin
eingeht. Bald sind Katie und Ben wieder solo und finden endlich
zueinander.
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Manch einer, der überhaupt keine Probleme hat, jemanden Fremdes auf
einer Party oder in der Disko anzusprechen und auf offener Tanzfläche
abzuknutschen, möchte schon beim Gedanken, der netten Kollegin von nebenan
plötzlich Avancen zu machen, am liebsten vor Scham im Boden versinken.
Zu neutralen Bekannten des andern Geschlechts bestehen ja eingeschliffene
Umgangsregeln. Was geschieht, wenn ich unerwartet versuche, intim zu werden?
Wenn ein Fremder uns abblitzen läßt, tut das zwar weh, aber es
bleibt folgenlos. Man sieht ihn oder sie nie wieder. Bei Kollegen und Freunden
sieht die Sache anders aus. Wer möchte schon die bestehende Freundschaft
oder Kollegialität aufs Spiel setzen!
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Die meisten machen dann den Fehler, durch kleine Zeichen indirekt ihre Zuneigung
zu bekunden. Das Objekt der Begierde ist aber in den vertrauten Umgangsregeln
gefangen und wird vermehrte Blicke, kleine Geschenke oder Komplimente als
kollegiale oder freundschaftliche Aufmerksamkeit interpretieren.
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Hier hilft nur eins: Eine klare Liebeserklärung in neutraler Umgebung
(also nicht im Büro und in Anwesenheit Dritter). Ohne den Wunschpartner
zu bedrängen. Eine aufrichtige Liebeserklärung wird mit Sicherheit
als Kompliment aufgefaßt, auch wenn der andere sagen sollte, daß
er ihre Gefühle nicht erwidert.
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Keine Sorge, daß die Freundschaft auf der Strecke bleibt. Ihr
Gegenüber hat genau wie Sie ein Interesse daran, daß die bisherige
Basis Ihrer Beziehungen nicht zerstört wird.
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Nicht selten kommt es nach einer Ablehnung vor, daß der/die andere
allmählich anfängt, Sie mit anderen Augen zu sehen. Ein zweiter
Anlauf nach einer gewissen Frist kann mehr Erfolg versprechen. Doch selbst,
wenn es letztlich bei den kollegialen oder freundschaftlichen Beziehungen
bleibt: In der Regel verbessert ein Liebesgeständnis die Atmosphäre.
Wer Ihnen nach einem solchen Bekenntnis die Freundschaft entzieht, ist
wahrscheinlich innerlich zutiefst unsicher und in aller Regel ihre Freundschaft
nicht wert.
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